Tages-Kommentare

Monat: November 2025

  • Die Suche nach Perfektion – Was es uns Deutschen so schwer macht

    Die Suche nach Perfektion – Was es uns Deutschen so schwer macht

    Wir Deutschen sind stolz auf Goethe, Kant, Bach und Caspar David Friedrich. Und wir haben es geschafft, ein als Stigma gedachtes Label zu unserem Gütesiegel zu machen –  „Made in Germany“. Dies gelang vor allem, weil unsere Wissenschaftlerinnen und Entwickler nach etwas typisch Deutschem gestrebt haben – nach Perfektion.

    Eine weitere Tradition, tief in der deutschen Geistesgeschichte verankert, ist die Suche nach allgemeingültigen Prinzipien, die uns die Welt und unser Verhalten in ihr erklären. Kant, Hegel, Marx und Engels entwarfen in sich geschlossene Systeme der prinzipiengeleiteten Welterklärung und -steuerung. Das Streben nach Perfektion und vollständigem Systemverständnis hat jedoch Schattenseiten, die uns in der heutigen Welt behindern, weil es uns langsam macht und Entscheidungen erschwert.

    In der heutigen Welt der systemischen Vernetzung wird es immer schwerer, perfekt und prinzipientreu zu sein. Warum? Weil sowohl Perfektion als auch prinzipienbasiertes Systemverständnis nur dann zu erreichen sind, wenn alle Abhängigkeiten im System bekannt und beschreibbar sind. Fehler, als Widersprüche zur Perfektion, Korrekturen, als Brüche von vorausgesetzten Prinzipien, sind aber notwendig, um in komplexen Systemen das Verständnis für die Funktion zu vertiefen. Sie erzeugen Störgrößen, deren Auswirkungen beobachtet und interpretiert werden können, ohne den Anspruch der perfekten Systembeschreibung zu haben. Moderne Wissenschaft ohne die Betrachtung von Wahrscheinlichkeiten ist nicht mehr denkbar. Das bedeutet nicht, dass alles beliebig ist, aber eben das es nicht perfekt ist, eine Wahrscheinlichkeitsaussage, keine strikte Folge aus einem Prinzip.

    Nun kommt eine weitere Komponente dazu, wenn man Perfektion und Prinzipien neu denken muss. Diese Komponente steht so sehr für eine typisch deutsche Eigenschaft, dass der Begriff unübersetzt ins Englische übernommen wurde, die „German Angst“. Wir haben gern Angst, so scheint es oft. Angst davor, etwas nicht richtig zu machen, nicht gemocht zu werden, Entscheidungen zu treffen, ungerecht zu erscheinen… Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Zum einen führt Komplexität also zu Stress, weil unsere bisherigen Strategien dafür erweitert werden müssten, zum anderen führen unsere Strategien selbst zu Komplexität. Ein perfektes und prinzipientreues System ist in der heutigen Welt zwangsläufig komplex. Man schaue sich nur unser Steuersystem an. Warum haben wir denn so ein Gewirr von Regeln und Ausnahmen? Weil wir für jede Eventualität perfekt vorbereitet sein wollen und unserem Prinzip von Gerechtigkeit nahekommen wollen.

    Kommentar: Über die Gerechtigkeit lässt sich sicher streiten, aber wer auch immer sich über unser Steuersystem aufregt, führt das Argument der Gerechtigkeit gern und oft an.

    Wenn man in einer komplexer werdenden Welt perfekte Systeme gestalten will, werden diese Systeme unter Umständen so komplex, dass man sie nicht mehr handhaben kann. Dabei ist das Streben nach Perfektion nicht an sich schlecht, ebenso dass man sich Prinzipien oder Werte gibt, denen man folgen will; aber wie immer geht es oft um das Maß, die Einsicht, dass in einer komplexen Welt viele Parameter einen Einfluss auf das Geschehen haben,, die sich nicht alle kontrollieren lassen.

    Wie könnte es nun anders gehen? Hier drei bedenkenswerte Punkte, wie ich finde:

    1. Über Werte reden, ehrlich und ohne den Hang, die Diskussion mit der Debatte um den richtigen Weg zur Verwirklichung der Werte zu vermischen. Oft gehen wir davon aus, dass jemand unsere Werte nicht teilt, weil er unseren Vorschlag zu Umsetzung des Wertes nicht unterstützt. Das ist nicht zwingend so. Ein anderer Trugschluss ist es, aus der Übereinstimmung der Werte auf eine Zustimmung zum konkreten Handeln zu schließen. Mit vielen Werten der Klimakleber stimme ich überein, deren Handlungen legitimieren sich aber nicht aus dieser Übereinstimmung.
    2. Über den Weg muss verhandelt werden, öffentlich, streitbar und respektvoll. Im Buch „Getting to Yes“ von Ury und Fischer, einem Klassiker der Verhandlungstheorie, gibt es den Rat, hart in der Sache zu bleiben aber nachgiebig zur Person. Im Zeitalter einer emotionalisierten Debattenkultur ein wichtiger Hinweis. Ich muss darauf achten, das Gegenüber nicht zu entwerten, nicht weil ich nett sein muss, sondern weil gegenseitiger Respekt die Voraussetzung für Verhandlungen ist.
    3. Zum Maßstab der Bewertung von Handlungsvorschlägen sollten die klar geäußerten Werte herangezogen werden. Das ist schwer, weil es uns betrifft, wenn es konkret wird. Man ist gern prinzipiell für den Klimaschutz, so lange das Windrad nicht neben einem gebaut wird. Ein Maßstab ist zweckgebunden, die Genauigkeit der Anwendung von Messwerten hängt von dem ab, was ich erreichen will. Das ist kein Kompromiss, eher Pragmatismus. Während man im Straßenbau eventuell im Zentimeterbereich misst, funktioniert das im Maschinenbau sicher nicht. Man misst also nicht immer perfekt, sondern der Aufgabe angemessen.

    Es braucht eine neue Kultur der öffentlichen Verhandlung. Und dies geht nicht ohne eine Einigung auf Spielregeln und ohne den guten Willen, den man dem Verhandlungspartner durch Respekt zeigt.

    Wenn man die derzeitige Kommunikationskultur auf die oben genannten Aspekte hin untersucht, haben viele Beteiligte noch viel Luft nach oben, um sich zu verbessern, nicht nur an den extremen politischen Rändern, sondern auch in der politischen Mitte.

  • Das Automuseum Deutschland?

    Das Automuseum Deutschland?

    „Die schwierige Lage der Autoindustrie hängt nach Ansicht von Mercedes-Chef Olaf Källenius nicht allein mit der Ungewissheit über die Zukunft des Verbrennungsmotors und der weltwirtschaftlichen Lage zusammen, sondern auch mit den Rahmenbedingungen.“ So weit ein Auszug aus dem Artikel (1). Sicher richtig, aber es könnte auch andere Gründe geben, zum Beispiel, dass man als ehemaliges Innovationswunder einen Trend verschlafen hat, den der Elektromobilität, und jetzt dringend aufholen muss. Hier ein paar Daten: der Marktanteil deutscher Autos im Leitmarkt China sinkt seit Jahren (2015-20: 24%, 2020-24:15%). Die Reaktion von Herrn Källenius? Mehr Luxus! Eine gute kurzfristige Lösung, um bei sinkenden Absatzzahlen das gleiche Geld einzunehmen. Aber langfristig? Technologieoffenheit bedeutet nicht, sich am Alten festzuhalten. Herr Källenius sollte sich die Entwicklung des Marktanteils von Pferdedroschken seit der Einführung von Automobilen genau anschauen. In einem Interview in der Zeit äußerte der VW Chef Oliver Blume, dass die Kunden von Porsche noch immer den Verbrenner-Sound mögen und dass die Porsche Ingenieure daran arbeiten, den Sound auf das Elektro-Auto zu übertragen. Im Mercedes-Museum kann man noch einige Autos bewundern, die wie Kutschen aussehen, ein Pferd war aber nicht zu sehen. Die deutsche Autoindustrie sollte nicht im Museum enden und Autos für nostalgische Fans herstellen.

    Die globale Autoindustrie agiert auf dem Mobilitätsmarkt, nicht auf dem Verbrenner-Markt. Wer Mobilität will, entscheidet sich zunehmend für eine andere Technologie, er selbst empfiehlt ja auch ein Elektrofahrzeug. 2024 war der Anteil von Fahrzeugen mit Elektroantrieb in China bei 45%, ein Fünftel der Neuzulassungen in Deutschland waren im vergangenen Monat rein elektrisch, und das im Verbrennerland Deutschland. Viele Unternehmen und ganze Branchen sind daran gescheitert, einen Technologiewandel am Markt umsetzen zu können. Das ist eine Herkulesaufgabe, die die ganze Aufmerksamkeit des Managements braucht. Hoffen wir für die Region, dass sich diese Erkenntnis auch bei Mercedes und Porsche durchsetzt, sonst geht es diesen Untenehmen wie vielen anderen, die das “Innovator‘s Dilemma“ nicht lösen konnten, das Clayton M. Christensen in seinem Standardwerk beschrieben hat – sie verlieren.

    Diesen Leserbrief habe ich heute abgeschickt, nachdem am Wochenende in der Kreiszeitung von Böblingen ein Artikel zu einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der Autoindustrie erschienen war. Liest man die Beiträge, so fällt auf, dass es viele Analysen gibt, warum äußere Einflüsse zu der gegenwärtigen Krise geführt haben, jedoch wenig die Frage aufkommt, was die Verantwortlichen jetzt tun können. Die deutsche Autoindustrie muß sich neu erfinden, es sind nicht nur die Kosten. Die momentane Konzentration auf Kosten schreibt das Modell der letzten Jahrzehnte nur weiter. Autohersteller haben sich ein Sklavensystem von Zuliefer-Betrieben erzogen, die die Innovation bei ständig sinkenden Gewinnen liefern mussten, während der Autokonzern das Ganze vor allem verwaltet. Das schafft ein Klima der Innovationsfeindlichkeit, einfach weil bei den Zulieferern der finanzielle Spielraum und damit die Kreativität fehlt. Ich höre schon den Aufschrei, man sei ja schließlich der Erfinder des Autos, und baue noch immer die besten Autos. Die besten Autos definieren sich nicht nach der Ingenieursleistung, sondern nach dem Markterfolg und dem wahrgenommenen Wert für den Kunden. Und hier ist die Entscheidung fragwürdig, eine sterbende Technologie weiter zu betreiben, nur weil die Ingenieure und die Zulieferer das am besten können. Um den Technologiewandel muss man mit der gesamten Wertschöpfungskette vertrauensvoll zusammenarbeiten, nicht jeden Cent aus dem Kostengerüst herausquetschen. Jeder Euro, der in die Verbrennertechnologie investiert wird, ist eine Investition weniger in die Zukunft.

    (1) Link zum Artikel, eventuell hinter einem Bezahlvorhang https://zeitung.krzbb.de/data/111396/reader/reader.html?#!preferred/0/package/111396/pub/151545/page/1/content/5002971

    Bildnachweis: Mercedes-Benz https://www.mercedes-benz.com/de/innovation/meilensteine/mercedes-benz-fahrzeuge/daimler-motorkutsche/