Tages-Kommentare

Monat: März 2026

  • Wenn die App kostenlos ist, bist du das Produkt

    Wenn die App kostenlos ist, bist du das Produkt

    Diesen Satz habe ich irgendwo im Internet gelesen, und ich finde, dass das eine gute Orientierung ist. Es erklärt das Geschäftsmodell der Social Media Giganten recht gut und stellt die Frage, ob wir uns immer bewusst sind, wie viel wir von uns preisgeben, ohne genau zu wissen, zu welchen Zwecken die Daten benutzt werden. Es sollte uns skeptisch machen, dass die Silicon Boys so reich sind.

    Die Diskussion um eine Beschränkung der Sozialen Medien, die Kinder vor einer missbräuchlichen Nutzung schützen soll, ignoriert, dass bei weitem nicht nur Kinder durch die Praktiken der Tech Giganten gefährdet sind. Der oben zitierte Satz gilt für alle Altersschichten. Aber es scheint mittlerweile zu einem gewissen Selbstverständnis zu gehören, sich als Produkt zu sehen. Ein Produkt mit einer zu kommunizierenden Value Proposition, Alleinstellungsmerkmal und der Notwendigkeit einer permanenten Optimierung. Wir akzeptieren das „Productizing“ von uns selbst als etwas Unausweichliches. Dazu lese ich gerade ein kleines Reclam Heft von Jonas Zorn „Die Ökonomisierung des Persönlichen“(1).

    Eine weitere Bestätigung dafür, dass die zunehmende Verengung der gesellschaftlichen Debatte auf ökonomische Kriterien und Modelle zu einem Dogma der Welterklärung wird. Die Kosten/Nutzen Fokussierung des Utilitarismus, die sich im Neoliberalismus zeigt, besticht durch eine vermeintliche Rationalität, die jegliche Gegenargumentation schwierig macht, da die Vertreter der Theorie auf die offensichtlichen Erfolge dieser Welterklärung im Wirtschaftsleben verweisen können. Wie Hans Jonas in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“(2) erklärt, gibt es eine direkte Rückwirkung von Theorien auf die geschichtliche Entwicklung. Die Theorie wirkt gleichsam als Anleitung für die Handelnden, die Geschichte des Sozialismus zeigt diese Wechselwirkung recht gut auf.

    Ich stelle eine These auf: der Vormarsch des Irrationalen in der Politik und Gesellschaft kann als Reaktion auf die verengte utilitaristische Rationalität unserer Zeit erklärt werden. Die Welt ist kompliziert, die auf Evidenz basierende Wissenschaft kommt zu immer komplexeren Erklärungen, nur in der Wirtschaft ist alles scheinbar rational und sehr durchschaubar, auch oder vielleicht sogar gerade weil sie so überaus mathematisch begründet wird.

    Die AfD ist als Anti-Euro-Partei entstanden, Donald Trump kommt aus der Glitzerwelt eines simulierten Wirtschaftslebens „You are fired…“ – als Chef einer Scheinfirma im Unterhaltungsfernsehen. Entweder soll die Wissenschaft so simpel wie die Wirtschaft werden, oder ihre Ergebnisse werden in Zweifel gezogen, so wie in der Corona-Krise. Diese Abwanderung in die Rationalitäts-Skepsis kann nicht die Lösung sein, ebensowenig wie das „Productizing“ des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Rationalität ist nicht nur die konsequente Anwendung der Kriterien Kohärenz und Wahrscheinlichkeit, sondern nur dann ein Instrument der Aufklärung, wenn sie sich der Verantwortung für die Folgen der rationalen Entscheidungen stellt, gleichsam selbstreflektiv. Rationalität muss diese Verantwortung berücksichtigen, sonst wird sie zu einer mechanistischen Begründung für das vermeintlich Alternativlose.

    Wir sind viel mehr als Produkte der Social Media Firmen.

    (1) Jonas Zorn, Die Ökonomisierung des Persönlichen

    (2) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung

  • Wenn wir was machen, dann richtig – Zum A01 Beschluss der Linken in Niedersachsen

    Wenn wir was machen, dann richtig – Zum A01 Beschluss der Linken in Niedersachsen

    Eines muss man Teilen der Linken Partei ja lassen – und da ist sie oft in bester Gesellschaft der Grünen – sie sind überraschend ideologietreu. So auch in diesem Beschluss zur Lage in Israel (1). Man hätte schreiben können, dass man mit der Politik Netanjahus nicht einverstanden ist, dass man sie als kriegstreiberisch und korrupt wahrnimmt, dass man sich der Einschätzungen der UN und von Amnesty International zur Lage in Gaza, den widerrechtlich besetzten Gebieten und in Israel selbst, anschließt und so weiter. Nein, man beginnt seinen Beschluss mit den Worten „Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab.“

    Damit hat man eins vor allem gewiss, die Aufmerksamkeit der gesamten Republik. Und so rollt die Shitstorm-Welle über die Niedersachsen und die Bundespartei hinweg, so dass sich schließlich Landesverband(2) und Bundespartei(3) zu Korrekturen genötigt fühlten.

    Der zweite Absatz des Beschlusses weist auf die vielfältige Nutzung des Begriffes Zionismus hin und versucht eher schwach zu differenzieren. Ein wenig klingt das so wie „ja, es gibt auch nette Zionisten, aber…“. Ohne den Hinweis auf Ideologie und Theorie geht es eben nicht. Hier wird die Theorie in Frage gestellt und als Platzhalter für die konkrete Politik benutzt. Dass ist ein Reflex, der die Gefahr in sich birgt in Antisemitismus abzugleiten. An anderer Stelle in meinen Tageskommentaren beschäftige ich mich durchaus kritisch mit der Politik Israels, da ist die Politik im Blick, nicht die Theorie. Parteien mit einer festen theoretischen Grundlage bewegen sich auf einem gefährlichen Pfad bei dieser Art von Kritik. Insbesondere die Linke kennt dieses Dilemma, von ihren Gegnern kommt immer wieder das Argument „wir lehnen den real existierenden Sozialismus ab“ und dabei könnten die Kritiker auf die DDR und Stalin als abschreckende Beispiele des Versagens verweisen. Theorien in der Politik sind Erklärungs- und Planungsmodelle, durchaus mit Auswirkungen auf die reale Politik, aber Theorien laufen immer Gefahr, zu einer Ideologie zu werden, wenn man sie zu dogmatischen Glaubenssätzen hochstilisiert.

    Das bedeutet nicht, dass Theorien nicht kritisierbar sind, beziehungsweise dass alle Theorien gültig sind. Nur sollte man sich davor hüten, Umsetzung und Modell zu verwechseln. Weil Trump die Demokratie gefährdet, ist die Theorie dahinter nicht falsch, im Gegenteil, die Theorie dient als Richtschnur. In der Auseinandersetzung um Umsetzung und Theorie entstehen die notwendigen Debatten, um das Modell aktuell zu halten und zu verbessern. Ich kenne mich nicht genug in der Tagespolitik von Israel aus, um zu beurteilen, wie diese Debatte geführt wird,  aber die israelische Gesellschaft steht sicher nicht einheitlich hinter der aktuellen Politik in ihrem Land.

    Auch die Grünen können von dem Dilemma der Linken lernen, die Debatte zwischen den verschiedenen Flügeln um Theorie und Grundsätzlichkeiten kann zur Ideologiedebatte verwahrlosen. Die Spannungen um das Wahlergebnis von Cem Özdemir könnten ein Keim davon sein. Also gute Politik machen, nicht die theoretische Weltformel suchen, ist die Devise.

    Bildnachweis: Mit Microsoft Copilot aus dem ersten Absatz der Erklärung erstelltes Bild

    (1) Link zum Beschluss https://www.dielinke-nds.de/fileadmin/user_upload/A01_geaendert.pdf

    (2) https://www.dielinke-nds.de/start/aktuell/detail/news/richtigstellung-zum-antrag-a01-auf-dem-landesparteitag-der-linken-niedersachsen/

    (3) Richtigstellung Bundesverband https://www.die-linke.de/start/presse/detail/news/debatte-um-nahost-verlangt-besondere-verantwortung/

  • Deutsch! – Ausstellung in Heidenheim

    Deutsch! – Ausstellung in Heidenheim

    Erstmal eine Vorbemerkung, ich war noch nicht in Heidenheim, sondern habe heute einen Artikel in der Zeitung über diese Ausstellung(1) gelesen. Klang sehr interessant und hat die folgenden Gedanken angeregt.

    Was ist Deutsch? Eine tolle Frage an die Künstlerinnen und Künstler, die zu der Ausstellung beigetragen haben. Die Beispiele der Werke aus dem Zeitungsartikel machen neugierig. Beim Lesen und Betrachten ging mir diese Frage durch den Kopf, was macht mich zum Deutschen? Kultur? Gewohnheiten? Sprache? Weltsicht? Was ist besonders an dem Land, in dem ich aufgewachsen bin?

    Erstmal ein Blick in die Entstehungsgeschichte, die sehr lang ist, denn die Region ist der Kern von Europa. Wir sind erst spät zu einer Nation geworden, formal mit dem Datum 1871. Die gescheiterte Revolution von 1848 war nicht von Dauer, sondern eine Art Overtüre. Regionalität spielt deswegen bis heute eine große Rolle. Die Betonung der Region ist immer wieder eine politische Option. Das zeigt auch die heimliche Bewunderung für den Freistaat Bayern, der für sich wie selbstverständlich Sonderrechte einfordert. Die Bedeutung von Regionen bekam ich – als Niedersachse – in Baden-Württemberg durch die halb-ernsten Auseinandersetzungen zwischen Baden und Württemberg direkt vor Augen geführt.

    Der deutsche Nationenbegriff formte sich gleichsam als Ergebnis von Konflikten heraus, gleichsam unter Zwang. Ohne die Klammer der Nation wären die deutschen Kleinstaaten nicht lebensfähig gewesen. In der Zeit nach 1871 bildete sich zunächst ein überbordender Nationalismus, der schließlich im 1.Weltkrieg eskalierte. Nach dieser ersten Katastrophe dann das Ringen um die richtige Staatsform, bemüht um Modernität, aber unter dem Druck der reaktionären Kräfte und der damit einhergehenden Menschenverachtung schließlich einem absurden Führerprinzip huldigend. Diese Perversion von staatlicher Form war kein Beispiel für eine tragfähige Nation!

    Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg war zunächst von Verdrängung und Leugnung der Schuld geprägt, das Wirtschaftswunder sollte die nationale Verantwortung überdecken, um den Preis der Legitimation ehemaliger Nationalsozialisten im neuen Staatsgebilde. Die Aufarbeitung kam spät und war nicht sehr gründlich, aber die wichtigste Lehre aus dem Schrecken des 2. Weltkriegs war, dass Deutschland nur als Teil von Europa eine Zukunft hat.

    Mit der Wiedervereinigung kam die Herausforderung, dass jetzt viele ungelöste Fragen gelöst werden mussten, die unter dem Hinweis auf die provisorische Situation lange ignoriert werden konnten. Auch bekam die Aufarbeitung von nunmehr zwei Diktaturen nicht immer das notwendige Gewicht.

    Diese Entwicklungen sind noch heute im gesellschaftlichen Diskurs spürbar. Die Skepsis gegenüber einer demokratischen und föderalen Staatsordnung speist sich noch immer aus den Erfahrungen der Weimarer Republik.

    Wie deutsch bin ich nun? Wenn ich auf Reisen bin, merke ich schon, dass ich sehr deutsch bin. Der wuselige Sonntag in Asien ist etwas, was mir immer wieder auffällt. Ich bediene viele deutsche Stereotypen, Ingenieur, überwiegend ordentlich und pünktlich, mit ausgeprägtem Sinn für Recht und Gerechtigkeit, einem sich auf Kultur und Philosophie beschränkenden Nationalstolz mit großem Bewusstsein für Schuld und Menschenrechte, manchmal zu ernst und etwas steif, aber durchaus mit mehr Humor, als man es typischerweise Deutschen nachsagt. Das ist vielleicht eine Liste von Eigenschaften, in der sich viele deutsch sozialisierte Menschen wiedererkennen können, die sie zu typisch Deutschen macht. Aber möchte ich in einem Land leben, in dem es nur Menschen mit diesen Eigenschaften gibt? Wohl kaum, denn wenn uns die Nachkriegsgeschichte etwas gelehrt hat, dann das der Mix die Qualität macht. Nicht als Auswirkung von Globalisierung, sondern aus der Notwendigkeit heraus, sich durch Impulse von außen weiter zu entwickeln. Schon der Umzug in den Süden hat meine Perspektive erweitert…

    Dieser Perspektivwechsel ist auch eine Herausforderung, die Gesellschaft muss sich anpassen und Veränderung akzeptieren. Der kulturelle Verlust, den wir durch absurde Ideen wie eine „Remigration“ erleiden würden, bringt uns jedoch sicher nicht nach vorn. Weil Integration immer eine Zweibahnstrasse ist, braucht es in der Gesellschaft die notwendige Offenheit, um mehr über unseren kulturellen Kern zu lernen. Die Angst vor einem Identitätsverlust, den uns bestimmte Parteien – und das ist nicht nur die AfD – einreden wollen, ist nur dann ein Problem, wenn wir uns unserer eigenen Kultur und Identität nicht bewußt sind. Wir stärken unsere kulturelle Identität nicht durch Isolation, sondern durch Dialog. Dieser Dialog wird schwierig, wenn man sich nicht mehr sicher ist, für was eine deutsche Sozialisierung stehen könnte, welche Werte den Kern ausmachen. Das wir den Dialog momentan nicht führen können, liegt eher an einer gesellschaftlicher Verwahrlosung. Dabei werden Begriffe wie „Leitkultur“ in der Politik nur gleichsam museal benutzt, als Vorwand, sich eben nicht dem Dialog zu stellen. Wer nicht weiß, auf welchen Werten unsere Kultur basiert, kann sie auch nicht gestalten, ohne Gestaltung ist sie aber ein Museumsstück, nicht mehr lebendig. Der Rechtsruck, der Erfolg von Populismus ist für mich ein Zeichen dieser Verwahrlosung. Die rechte Bewegung betont die Notwendigkeit eines homogenen „Volkskörpers“, aber Homogenität ist der Tot einer lebendigen Gesellschaft, weil sie nicht mehr lernt.

    Schon deshalb kann es bereichernd sein, sich den Fragen der Kunstschaffenden in Heidenheim zu stellen.

    (1) Ausstellung in Heidenheim Link zur Webseite
    Titelbild des Beitrags von der Webseite der Ausstellung