Tages-Kommentare

Kategorie: Gesellschaft

  • Meinungsfreiheit und Anonymität

    Meinungsfreiheit und Anonymität

    Braucht es zur Realisierung von Meinungsfreiheit in demokratischen Systemen einen Schutz durch Anonymität, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Diese Frage wird gerade debattiert, auch wenn sie eventuell etwas anders formuliert wird. Angestoßen wurde die Auseinandersetzung durch ein Interview mit dem ehemaligen Verfassungsrichters Voßkuhle, der sich dafür aussprach, Klarnamen im Internet verpflichtend zu machen. „Damit könnten Hass und Hetze eingedämmt und die Diskurskultur etwas rationalisiert werden, sagte er dem „Tagesspiegel“. Voßkuhle sprach von einer „Verrohung im Netz“, die keine Gesellschaft aushalte. Eine Klarnamenpflicht sei nicht einfach umzusetzen, aber verfassungsrechtlich zulässig, argumentierte der 62-Jährige, der von 2010 bis 2020 das Bundesverfassungsgericht leitete.“ [1] Ich habe schon in einem früheren Blog einen ähnlichen Vorschlag gemacht [2] als es um die Gestaltung eines besseren sozialen Netzwerkes ging. Voßkuhles Vorschlag geht allerdings weiter, wenn ich ihn richtig verstehe, Klarnamen sollten generell zur Pflicht gemacht werden. Kann das funktionieren? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Im folgenden dazu einige Gedanken.

    Meinungsäußerung

    Der Artikel 5 des Grundgesetzes regelt den Schutz der freien Meinung wie folgt:

    „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

    (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.

    (3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.“

    Der Artikel 5 steht im unveränderlichen Teil der Verfassung und kann durch das Parlament nicht verändert werden. Warum ist die Meinungsfreiheit in einer demokratischen Gesellschaft so wichtig? Ich sehe zwei Hauptgründe. Zum einen ist es ein Zeichen von Freiheit, ungehindert seine Meinung sagen zu dürfen. Dabei geht es nicht zwingend um die Erfüllung einer gesellschaftlichen Funktion, es geht um das Recht an sich. Derjenige, der dieses Recht ausübt, kann zum anderen darauf hoffen, Gleichgesinnte zu finden, eine Diskussion oder sogar eine Partei oder einen Interessenverband zu starten, aber das ist keine Voraussetzung für die Ausübung des Rechtes. Meinungsäußerungen müssen nicht ihre Wirksamkeit oder Wahrheit nachweisen, um berechtigt zu sein. Meinungsäußerungen dürfen nicht unterdrückt werden, nur weil sie eventuell absurd, nicht mehrheitsfähig sind oder einer Tatsachenüberprüfung nicht standhalten. Aber – wie schon an anderer Stelle zitiert – Meinungen sind keine Argumente. Deswegen sind sie immer kritisierbar, und eine Kritik an einer Meinung ist immer erlaubt. Die Äußerung von Meinungen ist geschützt, nicht der Inhalt. Der Inhalt muß sich der Frage nach einer Begründung und nach Belegen für etwaige Behauptungen stellen. Daraus folgt aber nicht, das eine Meinung generell rational begründbar sein muss, sie kann komplett ohne Begründung und Beweis geäußert werden. Die Sprecherin verliert dadurch nicht das Recht, sie zu äußern. Die Forderung nach einer Begründung setzt aber oft einen Prozess der Diskussion in Gang, insbesondere dann, wenn sich aus der Meinungsäußerung Handlungs- oder Regelungsforderungen ergeben.

    Diese öffentliche Diskussion muß zugelassen werden und ist gerade keine Einschränkung der Meinungsfreiheit. Wenn Meinungsfreiheit gesellschaftliche Wirkung zeigen soll, dann durch die anschließende Auseinandersetzung und letztendlich eine demokratische Entscheidung für zukünftiges Handeln.

    Weil Meinungsäußerungen keine (rationale) Begründung liefern müssen, können sie auch verletzen. Ich mache das an einem persönlichen Beispiel fest. Ich als Brillenträger muss es aushalten, wenn jemand der Meinung ist, dass Brillenträger generell weniger attraktiv sind. Ich bin als Betroffener vielleicht verletzt, aber ich muss mit dem Fakt leben, dass mich jemand für weniger attraktiv hält. Ich könnte darauf erwidern, dass ich Menschen, die eine solche Aussage treffen, für nicht besonders intelligent halte, das müsste mein Gegenüber dann aushalten. Sind das schon Beleidigungen? Absatz 2 und 3 des Artikel 5  verweisen auf diese Einschränkung. Das Strafrecht und die Gerichte beschäftigen sich eingehend mit der Frage, was unter „persönliche Ehre“ fällt und wann eine Meinungsäußerung nicht mehr als verfassungstreu zu werten ist. Diese Grenzen können sehr weit gefasst sein. Eine persönlich empfundene Verletzung – wie in meinem Brillenbeispiel – ist aber sicher kein Kriterium für eine Ehrverletzung.

    Bedeutet dies, dass man auch Unwahrheiten äußern kann? „Ja, aber“ könnte die Antwort sein. In einem Uteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVerfGE 99 185/197) wird  klargestellt, dass „bewusst unwahre Tatsachenbehauptungen und solche, deren Unwahrheiten bereits zum Zeitpunkt der Äußerung unzweifelhaft feststehen“ nicht durch Artikel 5 geschützt sind (zitiert nach Jarass/Pieroth GG Kommentar). In der Praxis wird diese Einschränkung aber nur selten genutzt, beispielsweise bei Holocaust-Leugnern. Diese Einschränkung ist nur sehr schwer zu begründen, denn eine Meinung muss auch als Tatsachenbehauptung ohne den Nachweis von Wahrheit geschützt sein.

    Medien

    Nicht ohne Grund werden im Artikel 5 spezifisch die multiplikatorischen Kanäle der Medien genannt, denn die Reichweite von Meinungsäußerungen dort ist naturgemäß ungleich größer als die Äußerung meines Gegeübers zu meiner eingeschränkten Attraktivität durch die Brille, hoffentlich. Man kann, so im Kommentar zum Grundgesetz von Jarass/Pieroth drei Schutzbereiche unterscheiden, die Verbreitung von Meinungen (Senden), die Informationsfreiheit (Empfang) und die Mediengrundrechte (Übertragungskanal). Der Zugang zu den Übertragungskanälen ist durch das Medienrecht in einem langen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess geregelt worden.

    Das Internet war irgendwann einfach plötzlich da. In seiner Anfangszeit wurde es als Demokratisierung des Medienzugangs gefeiert. Jede konnte eine Webseite erstellen und Information verbreiten. Die Reichweite ergab sich aus der Position in Suchmaschinen und der allgemeinen Bekanntheit. Im Laufe der Zeit bildete sich ein eigener Markt aus, zunächst über Suchmaschinen, dann über die sozialen Netzwerke und zuletzt durch Messenger-Dienste. Die Reichweite wird nun durch geheime Algorithmen bestimmt, Geld durch massive Werbung verdient. Die Verbreitung von Nachrichten, die Anzahl der Lesenden ist jetzt durch einen undurchschaubaren Mechanismus gesteuert. Und so kann die Äußerung über meine häßliche Brille bei geschickter Positionierung millionenfache Lesende finden, wenn sie nur die richtige Aufmerksamkeit bekommt. Ganze Berufsgruppen versuchen, diesen Mechanismus zu nutzen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Unternehmen haben spezielle Social Media Teams und Parteien und Politiker natürlich auch. Der rechtliche Rahmen des Internets ist deutlich komplizierter, weil er extrem dynamisch und die Gestaltung des Webinhaltes so flexibel ist. Ich habe mal Copilot gefragt, welche rechtlichen Regeln das Internet steuern und nach einem Schaubild gefragt. Hier die Antwort.

    Von Windows Copilot generiert

    Der direkte Kanal zwischen Sender und Empfänger wird auf verschiedenste Weise moduliert, woraus sich für das Medium rechtliche Besonderheiten ergeben. So können Kaufverträge direkt über den Kanal abgewickelt werden, die einfache Kopie von Inhalten stellt das Urheberrecht vor besondere Herausforderungen und da Reichweite eine eigene Ware ist, wird das Wettbewerbsrecht mit neuen Fragen konfrontiert.

    Weil die Reichweite einer Meinungsäußerung nicht abschätzbar ist, ergeben sich daraus auch besondere Risiken für den Einzelnen, insbesondere deswegen, weil die Grenzen zwischen der Wirkung auf das persönlichen Umfeld in der eigenen Community und auf eine anonyme Masse fließend sind. Jeder, der schon einen Shitstorm erlebt hat, weiß um dieses Risiko und die damit einhergehenden Belastungen. Daraus ergibt sich die besondere Frage nach der Anonymität im Internet.

    Anonymität

    Wenn die Meinungsäußerung so fundamental geschützt ist, kann dann nicht jeder seine Meinung äußern und seine Person offenlegen, gibt es dann überhaupt die Notwendigkeit, anonym zu bleiben? In einer idealen Welt vielleicht nicht, in der realen Welt eventuell schon. Wenn die Befürchtung, dass sich aus einer Meinungsäußerung persönliche Nachteile ergeben können, dazu führt, das Menschen mit ihrer Meinung lieber hinter dem Berg halten, dann reduziert sich das öffentliche Meinungsspektrum. Repressalien müssen eben nicht juristischer Art sein, um diese einschränkende Wirkung zu entfalten. Neben dem politisch-rechtlichen Raum ist der nachbarschaftlich-gesellschaftliche Rahmen unter Umständen viel wesentlicher. In den etablierten Medien anonym zu bleiben, ist gar nicht so einfach. Der Autor eines Artikels muss sich in der Regel zu erkennen geben. Auch Maßnahmen wie das Verteilen von Flugblättern oder von anderen Drucksachen ist ohne die Angabe eines Verantwortlichen verboten. Bei der Verbreitung von Meinungen über etablierte Medien gibt es also weitgehend Freiheit, aber ein anonymer Zugang zu diesen Kanälen ist durchaus eingeschränkt. Nur der Quellenschutz ist ein allgemeiner Standard, aber der Autor eines Beitrages ist dann als Stellvertreter für die Äußerung zu verstehen, der sich presserechtlich zu verantworten hat. Dies ist im Internet anders. Anonymität ist dort deutlich einfacher zu realisieren, geradezu ein Alleinstellungsmerkmal unter den verschiedenen Kanalformaten. Zunächst ergibt sich das aus dem technischen Format und aus seiner Entstehungsgeschichte. Und der Fall Assange zu den WikiLeaks hat die Komplexität des Mediums gezeigt. Wie sonst ist es möglich, eine solche Menge von Daten ungefiltert der Welt zur Verfügung zu stellen? Wie kann man Veröffentlichung von Daten noch verhindern, selbst wenn sie auf illegalem Wege erlangt wurden. Der Schutz von Identität ist auch im Internet nicht perfekt, aber deutlich einfacher. Die Verbindung zwischen der Äußerung und der Offenlegung der Identität des Sprechers ist in der analogen Welt also nicht so einfach zu realisieren. Aber was kann eine anonyme Meinungsäußerung notwendig machen? Hier eine Liste von möglichen Gründen.

    Warum man Anonymität brauchen könnte

    Wir leben in einer globalen Welt. Hätte man mir vor zwei Jahren gesagt, dass man besser mit einem „jungfräulichen Handy“ in die USA reisen sollte und besser seine sozialen Netzwerke auf problematische Aussagen durchsuchen sollte, hätte ich wahrscheinlich abgewunken. Das man am Besten keine chinesischen Apps installieren sollte, wenn man in China ist, eher vorstellbar. Mag bei uns die freie Meinungsäußerung geschützt sein, so muss das nicht für die Welt gelten.

    Das auch der eigene Staat Äußerungen im Netz zum Anlass für Repressialien nimmt, ist noch ein geringes Risiko. Aber auch bei uns besteht das Risiko, dass die landeseigenen Verfassungsschutzorgane ihre Anweisungen bald von fragwürdigen Regierungen bekommen, so denn der Rechtsschwenk real wird.

    Aber nicht nur staatliche Organe können Druck ausüben, auch zvilgesellschaftliche Organisationen und Gruppierungen können Personen sozial ächten, und mit den Mitteln des Internets sind die dazu notwendigen Instrumente immer leichter verfügbar.

    Neben den – oftmals ebenso anonymen – Anheizern von Shitstorms kann auch das direkte persönliche Umfeld Druck ausüben. Die sozialen Medien machen diesen Druck noch weniger kalkulierbar, da die Verbreitung intransparent ist.

    Eine lange Liste. Der Reflex, sich darauf zurückzuziehen, dass das eben der Preis der freien Meinungsäußerung ist, greift zu kurz. Studien zeigen, dass aus Angst vor Konsequenzen tatsächlich der Anteil der Menschen steigt, die mit Meinungsäußerungen eher vorsichtig sind.

    Was kann man tun?

    • Medienzurückhaltung – TikTokisierung der Nachrichtenwelt
    • Konsequentes Kontern von unangebrachten Reaktionen in sozialen Netzen – offenlegen, löschen, anzeigen, wenn Grenzen überschritten werden
    • Soziale Netzwerke wählen, die Shitstorms nicht als Geschäftsmodell sehen oder deren Algorithmen eine gewisse Transparenz haben
    • Reichweite eher auf regulierten Kanälen anstreben – vielleicht das Comeback des guten alten Leserbriefes?
    • Einen selbstmoderierten Blog starten, mit seinem Klarnamen – ohne Algorithmen und mit weniger Likes, aber sichtbar

    Fazit

    Ich halte den Vorschlag von Herrn Voßkuhle nicht für ideal. Das Internet ist kein geschützter Raum, der grundgesetzkonform Meinungsäußerungen schützt. Gleichzeitig ist es ein Raum für eine sehr demokratische. Form der Meinungsäußerung, auch wenn die üblichen tech bros das zu Gunsten einer Ökonomie der Aufmerksamkeitsbindung ersetzen wollen. Dazu wird es in Grenzfällen immer wieder die Notwendigkeit zur Anonymität geben, auch wenn es immer Idioten geben wird, die dies für Pöbeleien und Hass nutzen werden.

    [1] Bericht Deutschlandfunk

    [2] The Well

  • Wehrpflicht – Wozu ist man verpflichtet?

    Wehrpflicht – Wozu ist man verpflichtet?

    Ich habe 1987 verweigert. Ich war damals tief in der kirchlichen Jugendarbeit verwurzelt, hatte die Diskussion um den Nato-Doppelbeschluss verfolgt und den Film „The Day after“ verinnerlicht. Stattdessen habe ich 20 Monate Zivildienst absolviert, 5 Monate länger als der damalige Wehrdienst. Natürlich gab es damals Gerechtigkeitsdebatten. Die Zeit beim DRK war für mich dennoch auf keinen Fall eine verlorene Zeit. Das ist eine Erzählung, die bei der Debatte um die Wiedereinführung des Wehrdienstes oft erzählt wird, „es hat noch keinem geschadet“. Aber das ist etwas kurz gedacht, wie ich finde. Es geht um eine grundsätzliche Frage, wozu kann uns der Staat noch verpflichten? Wie tief darf er sich in das Leben des Einzelnen einmischen? Reicht die Begründung, dass sich die Sicherheitslage eben geändert hat? Dazu habe ich in letzter Zeit viele Artikel mit unterschiedlichen Positionen gelesen und mich orientiert.

    Ich fange mal mit einem sehr grundsätzlichen Gedanken an, der von Hannah Arendt kommt. Ich habe ihn aus einem Podcast anlässlich ihres 50. Todestages (1). Im Gespräch weist Greta Strassenberger darauf hin, das Hannah Arendt der Meinung war, dass eine funktionierende Demokratie die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger braucht. Demokratisches Handeln muss eingeübt werden. Nicht der Akt der Wahl ist das relevante, sondern die Möglichkeit, sich aktiv zu beteiligen. Beteiligung ist die Freiheit, die es zu verteidigen gibt.

    Wie kann man dies in der Gesellschaft ermöglichen? Wo ist der Raum für diese Übungen? Natürlich im politischen Apparat selbst, Stadt, Kommunen, Kreise und Länder funktionieren auch durch die Beteiligung der Bürgerinnen. Ebenso in Parteien, aber auch NGOs, Kirchen und Sozialverbände.n Immer dann, wenn es Strukturen braucht, um eine gesellschaftliche Funktion bereitzustellen, gibt es Beteiligungsmodelle. Jeder, der sich engagiert, verändert nicht nur seine Umwelt, er lernt auch, wie Demokratie funktioniert, mit allen positiven und negativen Aspekten. Damit verändert Beteiligung auch den Blick auf die Demokratie und gesellschaftliche Zusammenarbeit. Dabei ist die Einsicht, dass Engagement etwas bewirkt, ein Schlüssel für den von Arendt beschriebenen Effekt der aktiven Beteiligung. Dazu gab es vor kurzem einen guten Artikel in der Zeit „Bringt das was? Und ob!“ (2). Oft werden Initiativen unterschätzt, weil es Zeit braucht, bis sie sich in einer Demokratie durchsetzen und etablieren.

    Eine technokratische Sicht auf Politik und staatsbürgerliche Beteiligung ist deswegen eher schädlich für die Demokratie. Wenn der Bundeskanzler sagt, dass die Politik „wieder liefern muss“ erzeugt das den Eindruck, dass der Bürger ein passiver Empfänger von staatlichen Leistungen ist. So funktioniert Demokratie aber langfristig nicht. Die Bereitschaft, sich zu beteiligen, muss durch geeignete Strukturen geweckt werden. Das Bild, das die Politik gerade vom Bürger zeichnet, ist dazu gerade nicht geeignet. Der Aspekt der Gemeinschaft gerät angesichts der Verteilungsdebatten sehr in den Hintergrund, Bürgergeld, Rentendiskussion und Erbschaftssteuer spielen Gruppen gegeneinander aus. Es dominiert gerade die Debatte, wie man sich Solidarität in der Gesellschaft sparen kann, nicht wie man sie fördert.

    Heißt das, dass sich die „undankbaren Blagen“ einfach mehr solidarisieren müssen, ihre Pflicht gegenüber dem liefernden Staat erfüllen müssen? Ganz und gar nicht. Wenn man sich die Zahlen der Wehrpflicht und der Freiwilligendienste anschaut, sieht man das das zivilgesellschaftliche Engagement der jungen Leute ungebrochen hoch ist, insbesondere seit es freiwillig ist. Nur die Corona-Pandemie hat bei den Freiwilligendiensten einen kleinen Einbruch erzeugt. Der Wehrdienst sank kontinuierlich in seiner Bedeutung, weil er politisch nicht mehr gewollt war. Mit dem Fall der Mauer dachte unsere Gesellschaft, die Zeit der Kriege in Europa sei vorbei, weit gefehlt!

    Dientsbeteiligung über die Jahre
    Mit Windows Copilot erstellt

    Dabei hätte die Jugend allen Grund, sich zu entsolidarisieren. Wie die Gesellschaft mit jungen Menschen in der Corona-Krise umgegangen ist, zeigt nicht gerade eine Wertschätzung ihrer Beiträge, ich war Elternvertreter in dieser Zeit. Der Zustand von Schulen, der Umgang mit Zukunft, wirtschaftlich, gesellschaftlich und ökologisch, alles Beispiele dafür, dass die Gesellschaft sich wenig um die Belange der Jugendlichen schert. Die ältere Generation, meine Generation, hat viel Vertrauen verspielt bei den Jüngeren, deswegen ist es problematisch, jetzt plötzlich Solidarität einzufordern. Das geht nur dann, wenn auch wir diese Solidarität zeigen, uns beteiligen und Demokratie gemeinsam mit unseren Kindern und Enkeln üben. Der Staat darf keine Pflichtleistungen erwarten, ohne dass es einen breiten Konsens gibt, wofür diese Pflichtleistungen dienen. Wehrdienst ist ein tiefer, existenzieller Eingriff in die Freiheit des einzelnen. Die Entsolidarisierungsdebatten der letzten Jahre haben nicht dazu beigetragen, diesen Eingriff in den Augen der Jugend zu rechtfertigen. Warum also nicht ein generelles verpflichtendes Gesellschaftsjahr für alle Bürger einführen, unabhängig von Alter und Geschlecht? Dann haben alle die Möglichkeit, sich im Sinne Hannah Arendts in Demokratie zu üben.

    (1) Das philosophische Radio Grit Straßenberger: Hannah Arendt Grit Straßenberger: Hannah Arendt – WDR 5 Das philosophische Radio – WDR 5 – Podcasts und Audios – Mediathek – WDR

    (2) Artikel in der Zeit „Bringt das was? Und ob!“  https://www.zeit.de/2025/49/klimastreiks-proteste-cop30-aktivismus-klimagipfel

  • Die Suche nach Perfektion – Was es uns Deutschen so schwer macht

    Die Suche nach Perfektion – Was es uns Deutschen so schwer macht

    Wir Deutschen sind stolz auf Goethe, Kant, Bach und Caspar David Friedrich. Und wir haben es geschafft, ein als Stigma gedachtes Label zu unserem Gütesiegel zu machen –  „Made in Germany“. Dies gelang vor allem, weil unsere Wissenschaftlerinnen und Entwickler nach etwas typisch Deutschem gestrebt haben – nach Perfektion.

    Eine weitere Tradition, tief in der deutschen Geistesgeschichte verankert, ist die Suche nach allgemeingültigen Prinzipien, die uns die Welt und unser Verhalten in ihr erklären. Kant, Hegel, Marx und Engels entwarfen in sich geschlossene Systeme der prinzipiengeleiteten Welterklärung und -steuerung. Das Streben nach Perfektion und vollständigem Systemverständnis hat jedoch Schattenseiten, die uns in der heutigen Welt behindern, weil es uns langsam macht und Entscheidungen erschwert.

    In der heutigen Welt der systemischen Vernetzung wird es immer schwerer, perfekt und prinzipientreu zu sein. Warum? Weil sowohl Perfektion als auch prinzipienbasiertes Systemverständnis nur dann zu erreichen sind, wenn alle Abhängigkeiten im System bekannt und beschreibbar sind. Fehler, als Widersprüche zur Perfektion, Korrekturen, als Brüche von vorausgesetzten Prinzipien, sind aber notwendig, um in komplexen Systemen das Verständnis für die Funktion zu vertiefen. Sie erzeugen Störgrößen, deren Auswirkungen beobachtet und interpretiert werden können, ohne den Anspruch der perfekten Systembeschreibung zu haben. Moderne Wissenschaft ohne die Betrachtung von Wahrscheinlichkeiten ist nicht mehr denkbar. Das bedeutet nicht, dass alles beliebig ist, aber eben das es nicht perfekt ist, eine Wahrscheinlichkeitsaussage, keine strikte Folge aus einem Prinzip.

    Nun kommt eine weitere Komponente dazu, wenn man Perfektion und Prinzipien neu denken muss. Diese Komponente steht so sehr für eine typisch deutsche Eigenschaft, dass der Begriff unübersetzt ins Englische übernommen wurde, die „German Angst“. Wir haben gern Angst, so scheint es oft. Angst davor, etwas nicht richtig zu machen, nicht gemocht zu werden, Entscheidungen zu treffen, ungerecht zu erscheinen… Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Zum einen führt Komplexität also zu Stress, weil unsere bisherigen Strategien dafür erweitert werden müssten, zum anderen führen unsere Strategien selbst zu Komplexität. Ein perfektes und prinzipientreues System ist in der heutigen Welt zwangsläufig komplex. Man schaue sich nur unser Steuersystem an. Warum haben wir denn so ein Gewirr von Regeln und Ausnahmen? Weil wir für jede Eventualität perfekt vorbereitet sein wollen und unserem Prinzip von Gerechtigkeit nahekommen wollen.

    Kommentar: Über die Gerechtigkeit lässt sich sicher streiten, aber wer auch immer sich über unser Steuersystem aufregt, führt das Argument der Gerechtigkeit gern und oft an.

    Wenn man in einer komplexer werdenden Welt perfekte Systeme gestalten will, werden diese Systeme unter Umständen so komplex, dass man sie nicht mehr handhaben kann. Dabei ist das Streben nach Perfektion nicht an sich schlecht, ebenso dass man sich Prinzipien oder Werte gibt, denen man folgen will; aber wie immer geht es oft um das Maß, die Einsicht, dass in einer komplexen Welt viele Parameter einen Einfluss auf das Geschehen haben,, die sich nicht alle kontrollieren lassen.

    Wie könnte es nun anders gehen? Hier drei bedenkenswerte Punkte, wie ich finde:

    1. Über Werte reden, ehrlich und ohne den Hang, die Diskussion mit der Debatte um den richtigen Weg zur Verwirklichung der Werte zu vermischen. Oft gehen wir davon aus, dass jemand unsere Werte nicht teilt, weil er unseren Vorschlag zu Umsetzung des Wertes nicht unterstützt. Das ist nicht zwingend so. Ein anderer Trugschluss ist es, aus der Übereinstimmung der Werte auf eine Zustimmung zum konkreten Handeln zu schließen. Mit vielen Werten der Klimakleber stimme ich überein, deren Handlungen legitimieren sich aber nicht aus dieser Übereinstimmung.
    2. Über den Weg muss verhandelt werden, öffentlich, streitbar und respektvoll. Im Buch „Getting to Yes“ von Ury und Fischer, einem Klassiker der Verhandlungstheorie, gibt es den Rat, hart in der Sache zu bleiben aber nachgiebig zur Person. Im Zeitalter einer emotionalisierten Debattenkultur ein wichtiger Hinweis. Ich muss darauf achten, das Gegenüber nicht zu entwerten, nicht weil ich nett sein muss, sondern weil gegenseitiger Respekt die Voraussetzung für Verhandlungen ist.
    3. Zum Maßstab der Bewertung von Handlungsvorschlägen sollten die klar geäußerten Werte herangezogen werden. Das ist schwer, weil es uns betrifft, wenn es konkret wird. Man ist gern prinzipiell für den Klimaschutz, so lange das Windrad nicht neben einem gebaut wird. Ein Maßstab ist zweckgebunden, die Genauigkeit der Anwendung von Messwerten hängt von dem ab, was ich erreichen will. Das ist kein Kompromiss, eher Pragmatismus. Während man im Straßenbau eventuell im Zentimeterbereich misst, funktioniert das im Maschinenbau sicher nicht. Man misst also nicht immer perfekt, sondern der Aufgabe angemessen.

    Es braucht eine neue Kultur der öffentlichen Verhandlung. Und dies geht nicht ohne eine Einigung auf Spielregeln und ohne den guten Willen, den man dem Verhandlungspartner durch Respekt zeigt.

    Wenn man die derzeitige Kommunikationskultur auf die oben genannten Aspekte hin untersucht, haben viele Beteiligte noch viel Luft nach oben, um sich zu verbessern, nicht nur an den extremen politischen Rändern, sondern auch in der politischen Mitte.

  • Das Automuseum Deutschland?

    Das Automuseum Deutschland?

    „Die schwierige Lage der Autoindustrie hängt nach Ansicht von Mercedes-Chef Olaf Källenius nicht allein mit der Ungewissheit über die Zukunft des Verbrennungsmotors und der weltwirtschaftlichen Lage zusammen, sondern auch mit den Rahmenbedingungen.“ So weit ein Auszug aus dem Artikel (1). Sicher richtig, aber es könnte auch andere Gründe geben, zum Beispiel, dass man als ehemaliges Innovationswunder einen Trend verschlafen hat, den der Elektromobilität, und jetzt dringend aufholen muss. Hier ein paar Daten: der Marktanteil deutscher Autos im Leitmarkt China sinkt seit Jahren (2015-20: 24%, 2020-24:15%). Die Reaktion von Herrn Källenius? Mehr Luxus! Eine gute kurzfristige Lösung, um bei sinkenden Absatzzahlen das gleiche Geld einzunehmen. Aber langfristig? Technologieoffenheit bedeutet nicht, sich am Alten festzuhalten. Herr Källenius sollte sich die Entwicklung des Marktanteils von Pferdedroschken seit der Einführung von Automobilen genau anschauen. In einem Interview in der Zeit äußerte der VW Chef Oliver Blume, dass die Kunden von Porsche noch immer den Verbrenner-Sound mögen und dass die Porsche Ingenieure daran arbeiten, den Sound auf das Elektro-Auto zu übertragen. Im Mercedes-Museum kann man noch einige Autos bewundern, die wie Kutschen aussehen, ein Pferd war aber nicht zu sehen. Die deutsche Autoindustrie sollte nicht im Museum enden und Autos für nostalgische Fans herstellen.

    Die globale Autoindustrie agiert auf dem Mobilitätsmarkt, nicht auf dem Verbrenner-Markt. Wer Mobilität will, entscheidet sich zunehmend für eine andere Technologie, er selbst empfiehlt ja auch ein Elektrofahrzeug. 2024 war der Anteil von Fahrzeugen mit Elektroantrieb in China bei 45%, ein Fünftel der Neuzulassungen in Deutschland waren im vergangenen Monat rein elektrisch, und das im Verbrennerland Deutschland. Viele Unternehmen und ganze Branchen sind daran gescheitert, einen Technologiewandel am Markt umsetzen zu können. Das ist eine Herkulesaufgabe, die die ganze Aufmerksamkeit des Managements braucht. Hoffen wir für die Region, dass sich diese Erkenntnis auch bei Mercedes und Porsche durchsetzt, sonst geht es diesen Untenehmen wie vielen anderen, die das “Innovator‘s Dilemma“ nicht lösen konnten, das Clayton M. Christensen in seinem Standardwerk beschrieben hat – sie verlieren.

    Diesen Leserbrief habe ich heute abgeschickt, nachdem am Wochenende in der Kreiszeitung von Böblingen ein Artikel zu einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der Autoindustrie erschienen war. Liest man die Beiträge, so fällt auf, dass es viele Analysen gibt, warum äußere Einflüsse zu der gegenwärtigen Krise geführt haben, jedoch wenig die Frage aufkommt, was die Verantwortlichen jetzt tun können. Die deutsche Autoindustrie muß sich neu erfinden, es sind nicht nur die Kosten. Die momentane Konzentration auf Kosten schreibt das Modell der letzten Jahrzehnte nur weiter. Autohersteller haben sich ein Sklavensystem von Zuliefer-Betrieben erzogen, die die Innovation bei ständig sinkenden Gewinnen liefern mussten, während der Autokonzern das Ganze vor allem verwaltet. Das schafft ein Klima der Innovationsfeindlichkeit, einfach weil bei den Zulieferern der finanzielle Spielraum und damit die Kreativität fehlt. Ich höre schon den Aufschrei, man sei ja schließlich der Erfinder des Autos, und baue noch immer die besten Autos. Die besten Autos definieren sich nicht nach der Ingenieursleistung, sondern nach dem Markterfolg und dem wahrgenommenen Wert für den Kunden. Und hier ist die Entscheidung fragwürdig, eine sterbende Technologie weiter zu betreiben, nur weil die Ingenieure und die Zulieferer das am besten können. Um den Technologiewandel muss man mit der gesamten Wertschöpfungskette vertrauensvoll zusammenarbeiten, nicht jeden Cent aus dem Kostengerüst herausquetschen. Jeder Euro, der in die Verbrennertechnologie investiert wird, ist eine Investition weniger in die Zukunft.

    (1) Link zum Artikel, eventuell hinter einem Bezahlvorhang https://zeitung.krzbb.de/data/111396/reader/reader.html?#!preferred/0/package/111396/pub/151545/page/1/content/5002971

    Bildnachweis: Mercedes-Benz https://www.mercedes-benz.com/de/innovation/meilensteine/mercedes-benz-fahrzeuge/daimler-motorkutsche/

  • Unser Dorf soll schöner werden – Die CDU bemüht sich

    Unser Dorf soll schöner werden – Die CDU bemüht sich

    In eigener Sache: Ich bemühe mich normalerweise, bei meinen Kommentaren einigermaßen ausgewogen zu formulieren, Ironie ist schon drin, aber darf nicht zu viel sein. Die öffentliche Debatte ist schon aufgeregt genug, deswegen wäge ich Seiten ab, bevor ich eine Position beziehe. Deswegen vorab diese Trigger-Warnung: Dieser Kommentar beinhaltet überdurchschnittlich viel Ironie.

    Das „Stadtbild“ ist momentanin aller Munde, erst hat sich der Kanzler geäußert, dann gab es Empörung, dann legte gestern ein CDU Politiker nach und brachte den „Evergreen“ Verschleierung auf das Tablett. Eine wie ich finde sehr raffinierte Ablenkungsstrategie. Ob in der CDU Streichhölzer gezogen werden, wenn der Friedrich mal wieder Blödsinn erzählt und die Partei einen Entlastungsangriff fahren muss? Losverfahren sind ja wieder für diverse Dinge im Trend. Ich hätte da auch einige Ideen, zum Beispiel eine Vermögenssteuer, die per Los jeden mit mehr als 1 Milliarde Vermögen (laut Copilot 256 Menschen) dazu verpflichtet, in den nächsten 10 Jahren den Steuerhöchstsatz auf alle seine Einkommen, ob Kapital, Mieten oder Sonstiges zu zahlen. Das Instrument Lotterie, so es denn vor dem Verfassungsgericht Gnade findet, ist nahezu ein Transformationsinstrument moderner Gesellschaften.

    Aber zurück zum Stadtbild, hier nochmal das die Aussage von Herrn Merz, so wie in der Stuttgarter Zeitung zitiert:

    „Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 24, August 25 im Vergleich um 60 % nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. Das muss beibehalten werden, das ist in der Koalition verabredet.“

    Ist etwas unklar formuliert, insbesondere was denn nun im Einzelnen das Problem beim Stadtbild ist, aber man kann doch raten, es sind nicht die Geranien im Blumenkasten, die stören. Die CDU hat einen feinen Sinn für Ästhetik, hat sie schon bei der Diskussion um Fahnenpositionierung bewiesen (siehe meinen Kommentar, für den obige Trigger-Warnung ebenso gilt). Aber vielleicht ist es ja gar nicht die Sorge über die schönen Dörfer und Städte, die nicht mehr so sind wie früher, vielleicht ist das der Versuch, das Parteiprogramm quasi zu illustrieren.

    Wenn das das Ziel ist, gibt es noch einiges zu verbessern. Zum Beispiel Hüte für den Herrn, endlich wieder mehr adrette Kleider für die Dame, nicht mehr so häßliche SUV-Schleudern, sondern Autos, die den Namen wieder verdienen. Und wenn wir das schaffen, dann rauchen auch wieder die Schornsteine, statt dieser komischen Luftquirls, die die Landschaft verschandeln. Übrigens sollte es Pflicht sein, wieder Fensterbänke mit Geranien vor dem Haus zu haben, wenn wir schon bei schönen Dörfern sind, also gleich ein Investitionsprogramm für den Rückbau von bodentiefen Fenstern initiieren, Aus vom Verbrenner-Aus, Gaskraftwerke und Rückführungen haben wir ja schon.

    Um authentisch zu sein, müssten wir aber auch einige Opfer bringen. Kebab und Barbershop ade, passt nicht ins Ambiente. Oh nein, nicht meinen Lieblingsitaliener, habt Erbarmen! Pflege der Großeltern? Die ziehen halt wieder bei uns ein, denn Pflegekräfte werden rar sein, wir sind ja alle in der Fabrik und krempeln die Ärmel auf. Dann ist das Staßenbild wieder so, wie sich die CDU das vorstellt. Dann ist Deutschland wieder so, wie sich die CDU das offensichtlich vorstellt – ein Museum. Zur Sanierung der Finanzen fordern wir dann einfach von den Besuchern ein saftiges Eintrittsgeld. Dann brauchen wir auch keine Milliardärslotterie mehr.

  • Moral in der Politik – Was hat die denn da zu suchen?

    Moral in der Politik – Was hat die denn da zu suchen?

    Als Mitglied der Grünen – Transparenzhinweis – hat man es laut vieler Kommentare besonders mit der Moral. Grüne gelten als moralinsaure Besserwisser, die auf abweichende Haltungen gern mit der Moralkeule drohen oder sie sogar benutzen. Soweit das Klischee, und wie bei vielen Klischees ist da vielleicht sogar etwas Wahres dran. Das macht nicht sympathischer aber was schlimmer ist, es behindert oft einen offenen Diskurs mit Andresdenkenden. Nun bin ich vor allem bei den Grünen, weil ich mit der Partei darin übereinstimme, dass sie essentielle Themen unserer Gesellschaft und der Welt anspricht und nach Lösungen sucht; Umweltzerstörung, Klimawandel, die Gestaltung einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft, Verteilungs- Bildungs- und Geschlechtergerechtigkeit, europäische Zusammenarbeit, alles Themen, an denen es sich zu arbeiten lohnt, und von denen viele meiner Meinung nach von anderen Parteien nicht mit der notwendigen Dringlichkeit angegangen werden. Das Erkennen der Probleme ist aber noch nicht die Lösung, und das öffentliche Ringen um die Lösung erzeugt immer dann Probleme, wenn moralische Argumente in die Debatte eingebracht werden. Warum ist das so?

    Argumentiert man mit Moral, so erzeugt man einen hohen Anpassungsdruck. Wer will sich schon vorwerfen lassen, dass er Tiere nicht liebt, auch wenn sie auf seinem Teller landen, das sie das Klima nicht schützt, wenn sie den Verbrenner mit den Kindern sicher zur Schule braust, das er für Gerechtigkeit ist, und gleichzeitig stolz von Steuertricks erzählt. Moralische Argumente ertappen uns bei unserer täglichen Inkonsequenz. Unsere Handlungen werden auf einen normativen Rahmen bezogen, der uns ständig sagt „das macht man eigentlich nicht“. Der Bezug zwischen einer moralischen Einordnung und dem daraus abgeleiteten Handlungen ist aber viel weniger eindeutig, als es das Argument suggeriert. Nur selten sind Dinge gänzlich alternativlos, natürlich konnte man auch ungeimpft durch die Corona-Krise kommen, nur mit einem anderen Risiko für sich und für andere, weswegen man Einschränkungen in Kauf nehmen musste (1).

    Was uns Grünen nicht immer in den Kopf will, ist die Tatsache, dass Fakten zunächst völlig amoralisch sind. Sie gehorchen keinen Wertvorstellungen, sie sind einfach. Der CO2 Gehalt der Atmosphäre steigt, wie die Durchschnittstemperatur. Das Artensterben schreitet voran, ebenso die Ungleichverteilung von Reichtum auf der Welt. Aus diesem Fakt folgt aber nicht, dass automatisch ein Lösungsweg vorgeschrieben ist, so sinnvoll und vernünftig er auch sein mag. So tickt der demokratische Apparat leider nicht, dass er rational die Fakten analyisiert und dann final entscheidet. Es ist legitim, die Handlungsweise in Frage zu stellen, sie gesellschaftlich zu diskutieren und eben nicht rational zu entscheiden.

    Beharrt man auf der moralischen Position, so erzeugt man beim Gegenüber eher Trotz und setzt sich dem Vorwurf aus, moralische Positionen als „Totschlagargument“ zu benutzen. Das funktioniert übrigens in beide Richtungen. Der Vorwurf, dass der andere mit moralischen Maßstäben an ein Problem herangeht, kann auch als Gegenargument benutzt werden, um die durchaus rationalen Aspekte des Argumentes zu entkräften. Mittlerweile gibt es gleichsam ein Muster, die einen pochen auf die moralische Sichtweise, die anderen sehen jeden Bezug zur Moral als Schwäche. Dieses Schema ist fast noch toxischer als die Einteilung in links und rechts. Ein Argument, das sich auf moralische Grundwerte bezieht ist immer ein Appell, jegliche Zweifel aufzugeben, um für das Gute einzustehen.

    Wenn aber die zugrunde liegenden Fakten anders bewertet werden, fühlt man sich zu Unrecht unter Druck gesetzt. Kann eine moralische Position deshalb nicht als Argument dienen? Ich meine nein, aber es lohnt sich eher, basierend auf einem gemeinsamen Faktenverständnis nach übereinstimmenden Zielen zu suchen, ohne die Frage nach dem „Warum“ in den Vordergrund zu stellen. Die Frage “Warum“ wird oft mit moralischen Kategorien beantwortet, die Frage nach dem „Wohin“ und dem „Wie“ können auch ohne  diese Kategorie rein rational diskutiert werden.

    Jede Form von moralischer Diskussion erzeugt eine Tendenz zur Emotionalität und eventuell zu Trotz. Vernunft ist aber das einzige Mittel, um in unserer komplexen Wert sinnvolle Entscheidungen zu treffen. Dazu reicht oft eine simple Kausalitätsbetrachtung nicht aus, da sich viele heutige Probleme nicht mehr durch einfache “wenn-dann“ Beziehungen verstehen lassen. Es gibt dazu immer mehr Untersuchungen (Zum Beispiel das Buch von Maja Göbel „Wir können auch anders“ oder das Buch von Sandra Mitchell „Komplexitäten“ was ich schon in einem anderen Kommentar erwähnt habe). Ein Dilemma der heutigen Lage ist es, dass es deutlich schwieriger ist, in einer Demokratie über systemische Zusammenhänge zu debattieren, denn dazu braucht es viel Zeit, Wissen und Verständnis. Deswegen sind politische Antworten oft sehr vereinfachend und es besteht die Gefahr, bei der Lösung zu simpel zu denken. Die Grünen stehen in dem Ruf, kompliziert und abgehoben zu argumentieren; das könnte auch daran liegen, dass es die einfache und verständliche Lösung in unser verwobenen Welt nicht mehr gibt.

    “Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung, und die ist die falsche.”

    Umberto Eco, Foucault’s Pendulum

    (1) Wenn meine Kommentare jetzt von einer großen Menge gelesen würden, erwarte ich den Einwand „Aber bei der Corona-Infektion hat die Impfung doch gar nicht andere vor der Ansteckung geschützt“. Stimmt, weil die Infektion nicht verhindert wurde, sondern schwere Infektionsverläufe, mithin auch Geimpfte andere anstecken konnten. Aber da diese Daten nicht sofort zu erheben waren, wählte man – ie auch in anderen Situationen eine „Auf der sicheren Seite“ Strategie, gesellschaftlich schon zu verstehen.

  • Journalismus in der Krise? Zum Buch von Julia Ruhs

    Journalismus in der Krise? Zum Buch von Julia Ruhs

    Zum Hörbuch von Julia Ruhs „Links-Grüne Meinungsmacht“

    Wer ist Julia Ruhs? In den bewegten Zeiten der medialen Aufgeregtheit vielleicht schon wieder aus dem Augenmerk verschwunden. Es ab vor einiger Zeit die Aufregung um sie, als der NDR sie wegen massiver Kritik – auch aus ihrer Redaktion – von der Moderation der Sendung „Klar“ ausschloss, mit dem die ARD einem breiteren politischen Spektrum Raum geben wollte. Nun darf Frau Ruhs nur noch im BR moderieren. Da ich mich in letzter Zeit mit dem Thema Öffentlichkeit und Medien beschäftige (siehe auch meine Videopräsentation) wollte ich mir die Argumentation von Frau Ruhs genauer anhören. Das ist mein insgesamt zweites Hörbuch, sonst bevorzuge ich eher Papier oder e-Papier.

    Ein Problem bei Hörbüchern ist es, dass das Zurückblättern und Strukturieren des Gehörten nicht gut funktioniert. Deswegen ist dieser Kommentar eher ein Eindruck, keine echte Analyse und man sollte sich selbst ein Bild machen. Was ist mir also „hängengeblieben“? Die grobe Argumentation läßt sich wohl wie folgt zusammenfassen. Journalisten sind aufgrund verschiedener Einflüsse hauptsächlich links-grün beeinflusst, weil sie 1. selbst dieser Einstellung nahestehen 2. Der Medienapparat ein Auswahlmechanismus darstellt, der diese Haltung begünstigt 3. Weil Journalismus an Relevanz in der Gesellschaft verliert, und damit ein „gesinnungsmotivierter“ Journalismus in den Fordergrund gespült wird. Journalisten haben häufig eine gesellschaftswissenschaftliche Ausbildung mit Studium und sind zu gebildet, um die Situation und Meinung der Gesellschaft abzubilden. 4. Deswegen ist es nur konsequent, wenn sich angesichts der technischen Möglichkeiten alternative Medienformen und -macher entwickeln, die diese „Abbildungslücke“ auffüllen. 5. Eine Demokratisierung der Medienlandschaft wird von Frau Ruhs begrüßt. So weit ein grober Abriss, gerne Kommentare, falls meine Zusammenfassung nicht trifft.

    An all diesen Kritikpunkten ist natürlich etwas dran, insofern absolut bedenkenswert. Natürlich kommt jetzt ein „aber“ von mir, was ich im Folgenden begründen will. Schon im Titel des Buches offenbart sich eine Schwäche, der Schwerpunkt auf die Meinungsäußerung. Sehr ausführlich werden Leserinnenzuschriften über Instagram und Kommentare zitiert, die sehr abheben, dass es vor allem um die freie und unbeeinflusste Meinungsäußerung geht. Aber die Publizierung von Meinungen ist nicht die einzige Aufgabe von Journalistinnen. Es geht nicht darum, Meinungen zu verbreiten, sondern allenfalls Argumente, wenn nicht gar Fakten. Nun kann man trefflich darüber streiten, was Fakten sind, und Frau Ruhs weist darauf mehrfach hin, das es in der heutigen Medienwelt nicht klassisch um Wahrheit gehen kann, jede Auswahl von Fakten beeinflusst die dahinter liegende Aussage. Aus der Schwierigkeit, Fakten zu einer “gültigen Wahrheit“ zu verknüpfen, abzuleiten, das es der Fakten nicht mehr bedarf, endet jedoch in Beliebigkeit. „Eine Meinung ist kein Argument“ gilt. Insbesondere die klassischen Reizthemen der öffentlichen Debatte haben eine Faktenbasis, die sich nicht einfach ignorieren läßt, so wie der Klimawandel und Corona. Man kann die Fakten dazu natürlich interpretieren, aber eine Leugnung der Effekte ist kein haltbares Argument mehr, auch wenn man diese Meinung natürlich haben kann. Fakten sind heute häufig eine Wahrscheinlichkeitsaussage, was jedoch kein Grund ist, mit Maßnahmen zu warten, bis man absolute Gewissheit hat. Gesellschaftliche Entscheidungen sind zum einen immer Entscheidungen unter Unsicherheit, zum anderen nur schwer mit Experimenten vorzubereiten.

    Man stelle sich vor, man öffnet deren Beruf des Arztes für jeden, egal, ob er ihn gelernt hat oder nicht, schließlich kann man ja darauf vertrauen, dass er sich das selbst beigebracht hat. Das ist eine absurde Vorstellung. Ich bin froh, wenn die Journalistin es gelernt hat, wie man Fakten einordnet, welche Quellen einem zur Verfügung stehen, es auch gelernt hat, sich in neue Materie einzuarbeiten. Im Journalismus haben sich Mechanismen der Qualitätssicherung etabliert, Redaktionen, Quellenverifikation, Transparenzhinweise und andere Praktiken. Ähnlich wie in der Wissenschaft gibt es Peer-Reviews und Selbstverpflichtungen. Und genau wie in der Wissenschaft bedeutet das nicht, dass dieses System fehlerlos ist. Frau Ruhs vertraut den alternativen Medien. Sie weist zwar auf mögliche Gefahren hin, aber eine „Demokratisierung“ der Medienlandschaft durch Influencer und alternative Angebote begrüßt sie, auch mit dem Argument der Reichweite. So wie sie oft die voreilige Schlussfolgerung zieht, dass die Zuschriften, die sie erhält, ein realistisches Spiegelbild der gesellschaftlichen Stimmung ist. Die alternativen Medien sind nicht nur von dem hehren Ziel der Erweiterung des Debattenraumes motiviert, sondern auch von dahinter liegenden ökonomischen und politischen Interessen.

    Nun ein Kommentar zur Form und Formulierung des Buches. Ich empfand es als anstrengend, den Gedankengängen zu folgen, vor allem, weil sich nicht nur in den zitieren Kommentaren, sondern auch in der Argumentation der Autorin eine latente Aggressivität zeigt, die den Meinungsschutz häufig so interpretiert, als wäre jedes Gegenargument und jede Forderung nach Belegen für Behauptungen schon ein Angriff auf die Meinungsfreiheit selbst. Was den links-grünen Meinungsmachern vorgeworfen wird, wird hier selbst praktiziert. Die Meinungsäußerung nicht als Einladung zum Austausch und Debattieren von Fakten und Positionen zu sehen, sondern als sakrosankte, schützenswerte Äußerung von Persönlichkeit. Natürlich kann mein Eindruck auch durch einen psychologischen Effekt entstanden sein, den Frau Ruhs im Buch erwähnt, und der mich angesprochen hat – den Effekt der Reaktanz. Copilot definiert Reaktanz wie folgt:

    „Reaktanz in der Psychologie bezeichnet den inneren Widerstand gegen Einschränkungen der persönlichen Freiheit. Sie tritt auf, wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Entscheidungs- oder Handlungsfreiheit bedroht oder eingeschränkt wird.

    Reaktion: Die betroffene Person reagiert oft mit Trotz oder Widerstand – sie möchte gerade das tun, was verboten wurde, oder lehnt das ab, was ihr aufgezwungen wird. Das, was verboten oder eingeschränkt wurde, erscheint plötzlich besonders attraktiv. Menschen tun „erst recht“ das Verbotene, um ihre Autonomie zu demonstrieren.“

    Für mich ist dieser Aspekt durchaus ein guter Rat für beide Seiten, links-grün und rechts-konservativ. In der Auseinandersetzung um ein Thema reagiert jede Seite auf Argumente mit einem Reflex zum Widerstand. Nur ist das eben kein Fakt, kein Argument. Die Debatte sollte diesen Reflex durch eine angemessene Gestaltung zu überwinden versuchen. Wie gestalte ich meine Kommunikation so, das ich es vermeide, bei meinem Gegenüber den Effekt der Reaktanz auszulösen. Unabhängig von der politischen Orientierung hat sich in den Zeiten der 140 Zeichen Twitter oder X Meinungsäußerung und der Shitstorm-Kultur hier etwas verschoben, was sicher zur gegenwärtigen Situation beigetragen hat.

    Ich bin übrigens auch kein Journalist, bemühe mich um direkte Quellenangaben und Transparenz. Meine Webseite ist insofern natürlich auch eine alternative Form von öffentlicher Meinungsäußerung.

  • Podcast: Verfassende Urteile

    Podcast: Verfassende Urteile

    Hier geht es zum Podcast.

    Hat etwas gedauert, aber hier ein neuer Podcast zu einem Buch, was ich gelesen habe. Hört einfach mal rein.

  • Teil IV: Der Gaza-Konflikt – Israel und Deutschland, persönlich

    Teil IV: Der Gaza-Konflikt – Israel und Deutschland, persönlich

    Ich habe in der Grundschule versehentlich beinahe einen Mitschüler verletzt, eine große Turnmatte stürzte nach einer unbedachten Toberei von mir von der Wand direkt auf den Jungen. Das Geschrei in der Turnhalle und die Vorwürfe mir gegenüber waren groß. Im ersten Moment, als noch nicht klar war, wie schlimm es ist, schoss mir durch den Kopf, dass es allein meine Verantwortung war, wenn es schlimme Konsequenzen gegeben hätte. Ich erinnere mich, dass es im Umgang mit dem Jungen später immer eine merkwürdige Zwiespältigkeit gab. Zum einen eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Hoffnung auf ein Wort der Vergebung, zum Anderen eine Schroffheit und Ablehnung, weil der Anblick des Jungen mich immer an den beschämenden Moment und die Schuld erinnerte. So geht es uns Deutschen mit Israel, obwohl hier die Schuld nicht aus einer unbedachte Bewegung, sondern aus einer von tiefem Hass gespeisten Vernichtungsabsicht erwuchs.

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  • Zur Kasse, bitte – Bildbetrachtung eines LinkedIn Beitrages

    Zur Kasse, bitte – Bildbetrachtung eines LinkedIn Beitrages

    Das obige Bild habe ich von LinkedIn als Beitrag vorgeschlagen bekommen, weil einer meiner entfernten Kontakte dazu applaudiert hat. Zunächst  fand ich den Zusammenhang zwischen Bild und Text irritierend. Mir war der Zusammenhang nicht klar. Eine Küche, eine Frau mit Schürze, viele Blumen. Wenn man möchte, kann man sich die Lockenwickler im Haar der Frau vorstellen, mit denen sie sich für ihren Mann hübsch gemacht hat, fünfziger Jahre Stil. Und dann der Text: „Der Staat muss mir nicht unter die Arme greifen, es reicht, wenn er die Hände aus meinen Taschen lässt.“ (Interpunktion von mir ergänzt). Alles in Großbuchstaben. Was soll mir diese Nachricht sagen?

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  • Einfach mal die Klappe halten? Kritik an den Sozialen Medien von 1784

    Einfach mal die Klappe halten? Kritik an den Sozialen Medien von 1784

    „In einem Rescript Friedrich II. aus dem Jahr 1784 heißt es. Eine Privatperson ist nicht berechtigt, über  Handlung, das Verfahren, die Gesetze, Maßregeln und Anordnungen der Souveräne und Höfe. ihrer Staatsbedienten, Kollegien und Gerichtsgehöfe öffentliche, sogar tadelnde Urteile zu fällen oder davon Nachrichten, die ihr zukommen, bekanntzumachen oder durch den Druck zu verbreiten. Eine Privatperson ist auch zu deren Beurteilung gar nicht fähig, da es ihr an der vollständigen Kenntnis der Umstände und Motive fehlt.“ [Zitat nach Habermas Strukturwandel der Öffentlichkeit, S.84]
    „In einem Rescript Friedrich II. aus dem Jahr 1784 heißt es. Eine Privatperson ist nicht berechtigt, über  Handlung, das Verfahren, die Gesetze, Maßregeln und Anordnungen der Souveräne und Höfe. ihrer Staatsbedienten, Kollegien und Gerichtsgehöfe öffentliche, sogar tadelnde Urteile zu fällen oder davon Nachrichten, die ihr zukommen, bekanntzumachen oder durch den Druck zu verbreiten. Eine Privatperson ist auch zu deren Beurteilung gar nicht fähig, da es ihr an der vollständigen Kenntnis der Umstände und Motive fehlt.“ [Zitat nach Habermas Strukturwandel der Öffentlichkeit, S.84]

    Als ich dieses Zitat las, kam mir unmittelbar der Gedanke an die sozialen Medien, die zusehends die traditionellen Medien ersetzen. Bei X, Instagram und Facebook schreiben Amateure was immer sie denken,  die Grenzen zwischen Journalismus und Dilettantismus sind fließend. Auch ich mit meinem Blog könnte vielleicht dazu gehören, aber ich hoffe, der Titel und das Format machen hinreichend deutlich, dass auf meiner Seite persönliche Äußerungen ohne den Anspruch von journalistischer Qualität stehen, auch wenn ich mir Mühe gebe. Aber beim genaueren Nachdenken kamen dann schon Zweifel auf, in wie weit das Zitat zutrifft auf unsere Medien- und Internetwelt.

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  • Epikur – Eine mathematische Veranschaulichung

    Epikur – Eine mathematische Veranschaulichung

    Auf einer Autofahrt habe ich den unten verlinkten Podcast über Epikur gehört. Dabei ist mir die Idee gekommen, eine „mathematische“ Veranschaulichung seiner Philosophie als Video zu erstellen.

    Titel Epikur

    Link zum inspirierenden Podcast: https://www.ardaudiothek.de/episode/hoersaal-deutschlandfunk-nova/antike-philosophie-therapie-fuer-mentale-gesundheit-in-krisenzeiten/deutschlandfunk-nova/14382959

  • Leistung muss sich wieder lohnen – echt jetzt?

    Leistung muss sich wieder lohnen – echt jetzt?

    Sagt man den Satz „Leistung muss sich wieder lohnen“ so kann man im allgemeinen mit großer Zustimmung rechnen. Das ist schließlich nur fair, wer viel leistet, soll dafür auch belohnt werden.Wenn man aber genauer hinschaut, dann wird es plötzlich zweifelhaft, ob eine Gesellschaft, die nach diesem Prinzip gestaltet ist, wirklich lebenswert ist. Dazu habe ich einen interessanten Podcast gehört, auf den sich mein Kommentar bezieht [1]. Insbesondere angesichts einer intensiv geführten Debatte um Bürgergeld und Gerechtigkeit sollte dem Stereotyp der gerechten Leistungshonorierung nicht einfach zugestimmt werden.

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  • Teil III  Der Gaza-Konflikt – Ein gerechter Krieg?

    Teil III  Der Gaza-Konflikt – Ein gerechter Krieg?

    In meinem ersten Beitrag zu dem Thema stellten sich mir drei Fragen.

    Meine Position zu dem Konflikt habe ich noch nicht gefunden. Für mich stellen sich die folgenden Fragen:

    • Führt die israelische Regierung mit angemessenen Mitteln einen Verteidigungskrieg gegen die Hamas, angesichts der Tatsache, dass die Hamas alle völkerrechtlichen Spielregeln missachtet?
    • Hat die israelische Regierung das Recht, internationale Absprachen zu brechen, wie in der Siedlungspolitik?
    • Ist der im Raum stehende Vorwurf von Antisemitismus bei der Diskussion dieses Krieges generell berechtigt?

    Die Frage nach den angemessenen Mitteln will ich in diesem Beitrag bedenken. Natürlich ist die Frage so komplex, dass ich nicht den Anspruch haben kann, eine allgemeingültige Entscheidung trefffen zu können. Aber basierend auf verschiedenen Quellen eine persönlichliche Einstellung zu formulieren, muss möglich sein. Mein Verständnis von den Ereignissen des 7.Oktobers und der Reaktion des israelischen Staates auf den Angriff basiert auf dem Teil II [1 Blog Teil II] meiner kleinen Blog-Serie. Neben anderen Quellen dient mir das Buch “Gibt es einen gerechten Krieg“ von Reinhold Schmücker als Richtschnur [2 Schmücker].

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  • Wenn eine Fahne ein Gebäude aufwertet

    Wenn eine Fahne ein Gebäude aufwertet

    Der Bundeskanzler hat zu der Entscheidung von Julia Klöckner, am Christopher Street Day die Regenbogenflagge über dem Bundestag zu verbieten, einen Kommentar in der Talkshow von Frau Maischberger abgegeben, der nicht allen gefallen hat. Der Zirkus Charles Knie hat darauf in einer Aktion reagiert. Friedrich Merz hat laut dem Bericht wohl – ich habe die Sendung nicht gesehen – folgendes gesagt: „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt“. Man kann das so oder so sehen. Ich interpretiere den Kommentar von Herrn Merz so, dass die Regenbogenfahne über dem Bundestag das Gebäude herabwürdigt. Ich gehe eigentlich gern in den Zirkus und finde die Leistungen, die dort vollbracht werden, sehr bemerkenswert und beeindruckend, aber ich vermute mal – so wie wohl auch der Zirkus Charles Knie – das es die Aussage herabwürdigend gemeint war. Das kann man auch umdrehen. Mit der richtigen Fahne kann man wohl schlecht beleumundete Gebäude aufwerten. Ich hätte da einen Vorschlag. Vielleicht habt ihr noch andere Vorschläge, welche Gebäude durch eine Fahne aufgewertet werden könnten?

    Bildnachweis: Das Bild wurde mit Microsoft Copilot erstellt und hat einen satirischen Hintergrund.

  • Teil II: Der Gaza-Krieg – Was geschehen ist

    Teil II: Der Gaza-Krieg – Was geschehen ist

    In diesem Teil versuche ich die Ereignisse seit dem 7.Oktober 2023 zu dokumentieren. Ich benutze dabei hauptsächlich die Quellen der UN, neben einem Bericht der Human Rights Watch. Es ist sehr schwer, sich einen Überblick zu verschaffen. Die Ablehnung der UN durch die israelische Regierung und die Vorwürfe der Parteilichkeit machen es schwierig, gleichzeitig sind Äußerungen der palästinensischen Seite schwer zu überprüfen, denn man darf nicht vergessen, dass der Gaza-Streifen von einer Terrororganisation regiert wird. Trotzdem nutze ich die Quellen der UN, denn die UN hat eine lange Geschichte in diesem Konflikt und vertritt auch den völkerrechtlichen Rahmen, der nach dem 2. Weltkrieg als einzige multinationale Organisation die notwendige Orientierung geben kann, vielleicht neben dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

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  • Der andere Blick führt in die Irre – ein Artikel in der NZZ

    Der andere Blick führt in die Irre – ein Artikel in der NZZ

    Wie Antidiskriminierungsgesetze Freiheit und Eigentum gefährden

    Eine steile These von Malte Fischer, dem Wirtschaftsredakteur der Neuen Züricher Zeitung1, der anlässlich einer Konferenz zum Antidiskriminierungsgesetz in Berlin einen Artikel im Newsletter „Der andere Blick am Morgen“ geschrieben hat. Das Wirtschaftsleben kann nur funktionieren, wenn man Diskriminierung erlaubt. Das Konzept von Eigentum beruht auf der Beschränkung von Zugang zu Ressourcen. Wenn Antidiskriminierungsgesetze die Möglichkeit verneinen, den Zugang zu Ressourcen zu beschränken, fehlt ein wichtiges Element der sozialen Kontrolle, Zitat: „Weil Antidiskriminierungsgesetze das Ausschlussprinzip aushebeln, fördern sie unzivilisiertes Verhalten.“ Als ich das gelesen habe, musste ich erstmal trocken schlucken und meinen Beißreflex unter Kontrolle halten. Aber dann habe ich mich gezwungen, mich auf die Argumentation einzulassen. Hier das Ergebnis meiner Überlegungen.

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  • Ein Ausflug in die Parallelwelt

    Ein Ausflug in die Parallelwelt

    Ich reise beruflich ab und zu international, und dabei begegnet mir immer wieder die „Parallelwelt“, wie sie ein sehr geschätzter Kollege bezeichnet. Ich meine die umspannende Welt der Luxus-Marken, die auf jedem Flughafen gleich ist und in den Metropolen die Shopping-Malls füllt. Dior, Cartier, Burberry, Montblanc und Piaget, Gucci und Tiffany und wie sie noch alle heißen. Ich war jüngst in Taiwan und bin durch die Mall am 101, dem momentan nach Wikipedia elfhöchsten Hochhaus der Welt geschlendert, einer echten Sehenswürdigkeit. Also genau durch diese besondere Welt Auf der Reise habe ich mich auch mit einem Buch zu einer Einführung in die Soziologie1 beschäftigt, und da sind mir einige Gedanken zu der Parallelwelt gekommen.

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  • Deformation Professionelle(1) – von Komplexität und Ingenieuren

    Deformation Professionelle(1) – von Komplexität und Ingenieuren

    Ich bin ein Ingenieur, und habe daher eine tiefe Abneigung gegen Dinge, die sich nicht einfach erklären lassen. In meiner Welt müssen Dinge erklärbar sein, weil es immer Beziehungen zwischen verschiedenen Ereignissen gibt, die sich aufdecken lassen. Der Zwang, alles einfach erklärbar zu machen, hat viele Innovationen erzeugt, ist aber so etwas wie eine Berufskrankheit, wenn modellhafte Vereinfachungen auf prinzipiell komplexe Probleme angewendet werden. Die naturwissenschaftliche Sichtweise hat unsere Berufsgruppe so erzogen. Insbesondere bei gesellschaftlichen oder sozialen Problemen kann diese Sichtweise zu unzulässigen Vereinfachungen führen. Dann versagt ein rein mechanisch-eindimensionaler Ansatz. Nun habe ich ein interessantes Buch (2) gelesen, das sich mit dieser Vereinfachung beschäftigt und der Komplexität ein eigenes Existenzrecht zubilligt, ohne dass dafür die naturwissenschaftliche Sichtweise aufgegeben werden muß.

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  • Teil I: Der Gaza-Konflikt bewegt mich zutiefst, nur was kann ich dazu schreiben?

    Teil I: Der Gaza-Konflikt bewegt mich zutiefst, nur was kann ich dazu schreiben?

    Im aktuellen Zeitmagazin gibt es einen Bericht über Ahmad Mansour1, einem in Deutschland lebenden palästinensischem Israeli, der als Psychologe mit seinen Ansichten über den Konflikt zwischen Israel und der Hamas sehr polarisiert. Solche komplexen Geschichten gibt es in diesem Konflikt zuhauf.

    Einen Kommentar über den Konflikt zu schreiben gleicht einem Tanz auf der Nadelspitze, zum einen weil er so emotionalisiert ist und zum anderen weil er auf Deutsch geschrieben wird. Das kommt nicht etwa daher, „weil man ja nicht mehr seine Meinung sagen kann“ wie angesichts des Themas nicht nur AfD Anhänger jetzt rufen werden. Es kommt daher, weil wir Deutschen eine historische Verantwortung für dieses tragische Dilemma haben. Trotzdem will ich eine Stellungnahme versuchen, basierend auf dem, was ich darüber weiß.

    Der Kommentar ist etwas länger als gewohnt, hoffentlich trotzdem lesenswert

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