Wir Deutschen sind stolz auf Goethe, Kant, Bach und Caspar David Friedrich. Und wir haben es geschafft, ein als Stigma gedachtes Label zu unserem Gütesiegel zu machen – „Made in Germany“. Dies gelang vor allem, weil unsere Wissenschaftlerinnen und Entwickler nach etwas typisch Deutschem gestrebt haben – nach Perfektion.
Eine weitere Tradition, tief in der deutschen Geistesgeschichte verankert, ist die Suche nach allgemeingültigen Prinzipien, die uns die Welt und unser Verhalten in ihr erklären. Kant, Hegel, Marx und Engels entwarfen in sich geschlossene Systeme der prinzipiengeleiteten Welterklärung und -steuerung. Das Streben nach Perfektion und vollständigem Systemverständnis hat jedoch Schattenseiten, die uns in der heutigen Welt behindern, weil es uns langsam macht und Entscheidungen erschwert.
In der heutigen Welt der systemischen Vernetzung wird es immer schwerer, perfekt und prinzipientreu zu sein. Warum? Weil sowohl Perfektion als auch prinzipienbasiertes Systemverständnis nur dann zu erreichen sind, wenn alle Abhängigkeiten im System bekannt und beschreibbar sind. Fehler, als Widersprüche zur Perfektion, Korrekturen, als Brüche von vorausgesetzten Prinzipien, sind aber notwendig, um in komplexen Systemen das Verständnis für die Funktion zu vertiefen. Sie erzeugen Störgrößen, deren Auswirkungen beobachtet und interpretiert werden können, ohne den Anspruch der perfekten Systembeschreibung zu haben. Moderne Wissenschaft ohne die Betrachtung von Wahrscheinlichkeiten ist nicht mehr denkbar. Das bedeutet nicht, dass alles beliebig ist, aber eben das es nicht perfekt ist, eine Wahrscheinlichkeitsaussage, keine strikte Folge aus einem Prinzip.
Nun kommt eine weitere Komponente dazu, wenn man Perfektion und Prinzipien neu denken muss. Diese Komponente steht so sehr für eine typisch deutsche Eigenschaft, dass der Begriff unübersetzt ins Englische übernommen wurde, die „German Angst“. Wir haben gern Angst, so scheint es oft. Angst davor, etwas nicht richtig zu machen, nicht gemocht zu werden, Entscheidungen zu treffen, ungerecht zu erscheinen… Die Liste ließe sich beliebig erweitern. Zum einen führt Komplexität also zu Stress, weil unsere bisherigen Strategien dafür erweitert werden müssten, zum anderen führen unsere Strategien selbst zu Komplexität. Ein perfektes und prinzipientreues System ist in der heutigen Welt zwangsläufig komplex. Man schaue sich nur unser Steuersystem an. Warum haben wir denn so ein Gewirr von Regeln und Ausnahmen? Weil wir für jede Eventualität perfekt vorbereitet sein wollen und unserem Prinzip von Gerechtigkeit nahekommen wollen.
Kommentar: Über die Gerechtigkeit lässt sich sicher streiten, aber wer auch immer sich über unser Steuersystem aufregt, führt das Argument der Gerechtigkeit gern und oft an.
Wenn man in einer komplexer werdenden Welt perfekte Systeme gestalten will, werden diese Systeme unter Umständen so komplex, dass man sie nicht mehr handhaben kann. Dabei ist das Streben nach Perfektion nicht an sich schlecht, ebenso dass man sich Prinzipien oder Werte gibt, denen man folgen will; aber wie immer geht es oft um das Maß, die Einsicht, dass in einer komplexen Welt viele Parameter einen Einfluss auf das Geschehen haben,, die sich nicht alle kontrollieren lassen.
Wie könnte es nun anders gehen? Hier drei bedenkenswerte Punkte, wie ich finde:
- Über Werte reden, ehrlich und ohne den Hang, die Diskussion mit der Debatte um den richtigen Weg zur Verwirklichung der Werte zu vermischen. Oft gehen wir davon aus, dass jemand unsere Werte nicht teilt, weil er unseren Vorschlag zu Umsetzung des Wertes nicht unterstützt. Das ist nicht zwingend so. Ein anderer Trugschluss ist es, aus der Übereinstimmung der Werte auf eine Zustimmung zum konkreten Handeln zu schließen. Mit vielen Werten der Klimakleber stimme ich überein, deren Handlungen legitimieren sich aber nicht aus dieser Übereinstimmung.
- Über den Weg muss verhandelt werden, öffentlich, streitbar und respektvoll. Im Buch „Getting to Yes“ von Ury und Fischer, einem Klassiker der Verhandlungstheorie, gibt es den Rat, hart in der Sache zu bleiben aber nachgiebig zur Person. Im Zeitalter einer emotionalisierten Debattenkultur ein wichtiger Hinweis. Ich muss darauf achten, das Gegenüber nicht zu entwerten, nicht weil ich nett sein muss, sondern weil gegenseitiger Respekt die Voraussetzung für Verhandlungen ist.
- Zum Maßstab der Bewertung von Handlungsvorschlägen sollten die klar geäußerten Werte herangezogen werden. Das ist schwer, weil es uns betrifft, wenn es konkret wird. Man ist gern prinzipiell für den Klimaschutz, so lange das Windrad nicht neben einem gebaut wird. Ein Maßstab ist zweckgebunden, die Genauigkeit der Anwendung von Messwerten hängt von dem ab, was ich erreichen will. Das ist kein Kompromiss, eher Pragmatismus. Während man im Straßenbau eventuell im Zentimeterbereich misst, funktioniert das im Maschinenbau sicher nicht. Man misst also nicht immer perfekt, sondern der Aufgabe angemessen.
Es braucht eine neue Kultur der öffentlichen Verhandlung. Und dies geht nicht ohne eine Einigung auf Spielregeln und ohne den guten Willen, den man dem Verhandlungspartner durch Respekt zeigt.
Wenn man die derzeitige Kommunikationskultur auf die oben genannten Aspekte hin untersucht, haben viele Beteiligte noch viel Luft nach oben, um sich zu verbessern, nicht nur an den extremen politischen Rändern, sondern auch in der politischen Mitte.

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