Erstmal eine Vorbemerkung, ich war noch nicht in Heidenheim, sondern habe heute einen Artikel in der Zeitung über diese Ausstellung(1) gelesen. Klang sehr interessant und hat die folgenden Gedanken angeregt.
Was ist Deutsch? Eine tolle Frage an die Künstlerinnen und Künstler, die zu der Ausstellung beigetragen haben. Die Beispiele der Werke aus dem Zeitungsartikel machen neugierig. Beim Lesen und Betrachten ging mir diese Frage durch den Kopf, was macht mich zum Deutschen? Kultur? Gewohnheiten? Sprache? Weltsicht? Was ist besonders an dem Land, in dem ich aufgewachsen bin?
Erstmal ein Blick in die Entstehungsgeschichte, die sehr lang ist, denn die Region ist der Kern von Europa. Wir sind erst spät zu einer Nation geworden, formal mit dem Datum 1871. Die gescheiterte Revolution von 1848 war nicht von Dauer, sondern eine Art Overtüre. Regionalität spielt deswegen bis heute eine große Rolle. Die Betonung der Region ist immer wieder eine politische Option. Das zeigt auch die heimliche Bewunderung für den Freistaat Bayern, der für sich wie selbstverständlich Sonderrechte einfordert. Die Bedeutung von Regionen bekam ich – als Niedersachse – in Baden-Württemberg durch die halb-ernsten Auseinandersetzungen zwischen Baden und Württemberg direkt vor Augen geführt.
Der deutsche Nationenbegriff formte sich gleichsam als Ergebnis von Konflikten heraus, gleichsam unter Zwang. Ohne die Klammer der Nation wären die deutschen Kleinstaaten nicht lebensfähig gewesen. In der Zeit nach 1871 bildete sich zunächst ein überbordender Nationalismus, der schließlich im 1.Weltkrieg eskalierte. Nach dieser ersten Katastrophe dann das Ringen um die richtige Staatsform, bemüht um Modernität, aber unter dem Druck der reaktionären Kräfte und der damit einhergehenden Menschenverachtung schließlich einem absurden Führerprinzip huldigend. Diese Perversion von staatlicher Form war kein Beispiel für eine tragfähige Nation!
Die Zeit nach dem 2. Weltkrieg war zunächst von Verdrängung und Leugnung der Schuld geprägt, das Wirtschaftswunder sollte die nationale Verantwortung überdecken, um den Preis der Legitimation ehemaliger Nationalsozialisten im neuen Staatsgebilde. Die Aufarbeitung kam spät und war nicht sehr gründlich, aber die wichtigste Lehre aus dem Schrecken des 2. Weltkriegs war, dass Deutschland nur als Teil von Europa eine Zukunft hat.
Mit der Wiedervereinigung kam die Herausforderung, dass jetzt viele ungelöste Fragen gelöst werden mussten, die unter dem Hinweis auf die provisorische Situation lange ignoriert werden konnten. Auch bekam die Aufarbeitung von nunmehr zwei Diktaturen nicht immer das notwendige Gewicht.
Diese Entwicklungen sind noch heute im gesellschaftlichen Diskurs spürbar. Die Skepsis gegenüber einer demokratischen und föderalen Staatsordnung speist sich noch immer aus den Erfahrungen der Weimarer Republik.
Wie deutsch bin ich nun? Wenn ich auf Reisen bin, merke ich schon, dass ich sehr deutsch bin. Der wuselige Sonntag in Asien ist etwas, was mir immer wieder auffällt. Ich bediene viele deutsche Stereotypen, Ingenieur, überwiegend ordentlich und pünktlich, mit ausgeprägtem Sinn für Recht und Gerechtigkeit, einem sich auf Kultur und Philosophie beschränkenden Nationalstolz mit großem Bewusstsein für Schuld und Menschenrechte, manchmal zu ernst und etwas steif, aber durchaus mit mehr Humor, als man es typischerweise Deutschen nachsagt. Das ist vielleicht eine Liste von Eigenschaften, in der sich viele deutsch sozialisierte Menschen wiedererkennen können, die sie zu typisch Deutschen macht. Aber möchte ich in einem Land leben, in dem es nur Menschen mit diesen Eigenschaften gibt? Wohl kaum, denn wenn uns die Nachkriegsgeschichte etwas gelehrt hat, dann das der Mix die Qualität macht. Nicht als Auswirkung von Globalisierung, sondern aus der Notwendigkeit heraus, sich durch Impulse von außen weiter zu entwickeln. Schon der Umzug in den Süden hat meine Perspektive erweitert…
Dieser Perspektivwechsel ist auch eine Herausforderung, die Gesellschaft muss sich anpassen und Veränderung akzeptieren. Der kulturelle Verlust, den wir durch absurde Ideen wie eine „Remigration“ erleiden würden, bringt uns jedoch sicher nicht nach vorn. Weil Integration immer eine Zweibahnstrasse ist, braucht es in der Gesellschaft die notwendige Offenheit, um mehr über unseren kulturellen Kern zu lernen. Die Angst vor einem Identitätsverlust, den uns bestimmte Parteien – und das ist nicht nur die AfD – einreden wollen, ist nur dann ein Problem, wenn wir uns unserer eigenen Kultur und Identität nicht bewußt sind. Wir stärken unsere kulturelle Identität nicht durch Isolation, sondern durch Dialog. Dieser Dialog wird schwierig, wenn man sich nicht mehr sicher ist, für was eine deutsche Sozialisierung stehen könnte, welche Werte den Kern ausmachen. Das wir den Dialog momentan nicht führen können, liegt eher an einer gesellschaftlicher Verwahrlosung. Dabei werden Begriffe wie „Leitkultur“ in der Politik nur gleichsam museal benutzt, als Vorwand, sich eben nicht dem Dialog zu stellen. Wer nicht weiß, auf welchen Werten unsere Kultur basiert, kann sie auch nicht gestalten, ohne Gestaltung ist sie aber ein Museumsstück, nicht mehr lebendig. Der Rechtsruck, der Erfolg von Populismus ist für mich ein Zeichen dieser Verwahrlosung. Die rechte Bewegung betont die Notwendigkeit eines homogenen „Volkskörpers“, aber Homogenität ist der Tot einer lebendigen Gesellschaft, weil sie nicht mehr lernt.
Schon deshalb kann es bereichernd sein, sich den Fragen der Kunstschaffenden in Heidenheim zu stellen.
(1) Ausstellung in Heidenheim Link zur Webseite
Titelbild des Beitrags von der Webseite der Ausstellung

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