Ich lese gerade ein prägendes Buch für die Grüne Partei, „Das Prinzip Verantwortung“ von Hans Jonas(1) von 1978. Dieses Buch war die Antwort auf den Bericht des Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“(2) von 1972. Es lohnt sich, angesichts der momentanen Lage, wieder an die Wurzeln der grünen Ideen zu gehen. Beim Lesen des Buches wurde mir klar, was grüne Politik für mich ausmacht. Im folgenden will ich eine kurze Skizze davon entwerfen, ohne einen Anspruch von Vollständigkeit.
Die Ausgangsposition
War in der Vergangenheit – Jonas beginnt in der Antike – das Wirken des Menschen und ein potenzieller Schaden für die Lebensvoraussetzungen – ich vermeide das Wort Umwelt, denn es verleitet dazu, sich nicht als Teil dieser Umwelt zu sehen – immer lokal begrenzt, so erreichen wir heute an den verschiedensten Stellen jene vom Club of Rome beschriebenen Grenzen. Rohstoffverbrauch, Umweltverschmutzung, Artensterben sind keine lokalen Probleme mehr, sondern sie haben das Potential fundamental existenzbedrohend zu sein. Der Klimawandel ist dafür ein Beispiel, aber bei weitem nicht das einzige. Neben dem Verbrauch der Lebensvoraussetzungen bedrohen weitere Faktoren die menschliche Existenz, Massenvernichtungswaffen, die Möglichkeit, mithilfe von Gentechnik gezielt in den Entwicklungspfad von Pflanzen, Tieren und Menschen einzugreifen und ein möglicher Kontrollverlust über neue menschliche Technologien, wie die Atomkraft. Auch die momentane Debatte um die Risiken der Anwendung von KI ist ein solches Beispiel.
Das Defizit
Prämisse allen menschlichen Handelns ist das Überleben und in der Folge die Verbesserung der eigenen Situation. Fortschritt und Entwicklung ist vor allem in der westlichen Welt tief verwurzelt. Die Erkenntnis über mögliche Folgen ist erst in jüngerer Zeit offenbar geworden, parallel zu einem explosionsartigen Bevölkerungswachstum und steigenden sozialen Spannungen. Unsere ethischen Grundregeln sind für diese Folgen nicht gedacht, sie sind noch immer auf globale Folgenlosigkeit lokaler Handlungen hin optimiert. Keine der bisherigen Staatsformen hat einen Weg entwickelt, wie Entscheidungen für die sinnvolle Begrenzung von unabsehbaren oder negativen lokalen und globalen Folgen getroffen werden. Es ist insbesondere dann schwierig, diesen Weg zu gehen, wenn wir die auf Effizienz und Gewinn hin orientierte ökonomische Dominanz nicht durch eine bessere Form des Verteilens und der Motivation ergänzen können.
Die Debatte
Die Demokratie kann diese Grundfrage nur dann angehen, wenn dazu gemeinsam getragene ethische Leitplanken definiert werden. Dies ist ohne eine ernsthafte gesellschaftliche Debatte nicht zu erwarten. Worum es dabei nicht geht, ist eine marxistische Kritik am Kapitalismus. Wir müssen Gerechtigkeit nicht herstellen, um der klassenlosen Gesellschaft näher zu kommen, sondern um die begrenzten Resourcen besser zu verteilen und das Risiko einer ungezügelten Naturzerstörung zu minimieren. Da es bei dieser Diskussion auch darum geht, ungezügelte Bereicherungsabsichten zu beschränken, gibt es zwar Berührungspunkte zu sozialistischen Ideen, aber der demokratische Weg zur Gestaltung der notwendigen Selbstbeschränkung ist für mich die einzige Möglichkeit, diese Debatte zu führen.
Wie die Leitplanken aussehen könnten:
Die lokalen und globalen Folgen stärker in Entscheidungen einbeziehen
Wir müssen die gobale Vernetzung der Welt akzeptieren und berücksichtigen, dies schließt die globalen Konsequenzen unseres lokalen Handelns ein. Das Beispiel der globalen Lieferketten zeigt uns auch im wirtschaftlichen Leben diese Zusammenhänge auf.
Natur mitdenken, ohne sie zu ökonomisieren
Der Versuch, die Nautur zu berücksichtigen, indem man sie zu einem Faktor des Wirtschaftslebens macht, kann ohne die breite Akzeptanz der Bevölkerung nicht erfolgreich sein. Das zeigt die CO2 Abgabe als ein gutes Beispiel. Solange wir diesen Ansatz immer wieder in Zweifel ziehen, weil wir in die dazugehörige Preisbildung eingreifen, kann das nicht funktionieren. Wenn wir Natur bezahlen, müssen wir auch mit den Konsequenzen – weniger Gewinn, höhere Preise – leben. Wir müssen nach weiteren Wegen suchen, den Schutz von Natur in unser Handeln einzubinden.
Im Zweifel Verantwortung zur Richtschnur machen und Regeln verhandeln
Wann überschreitet Forschung Grenzen, die zu überschreiten eine Gefahr für uns und unsere Zukunft ist? Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, der Januskopf der Erkenntnis, der zu dem Satz verleitet, dass Wissenschaft nicht gut oder schlecht ist, nur die Anwendung Schaden anrichten kann, macht es sich zu einfach. Wenn durch Wissenschaft Möglichkeiten der absoluten Unbeherrschbarkeit oder des Missbrauches erzeugt werden, muss die Gesellschaft, ja sogar die Welt mitentscheiden. Dafür braucht es einen Konsenz und Regeln. Dies gilt auch für andere Bereiche, wie die Wirtschaft, oder die Gestaltung gesellschaftlicher Systeme.
Maß halten
Was ist Reichtum? Diese Frage wird in der Regel mit einer einzigen Maßeinheit beantwortet, Geld. Das dies problematisch ist, zeigt sich daran, dass wir zwar immer mehr Geld auf der Welt haben, weil wir alles in Geld umrechnen können/müssen, fundamentale Fragen der Solidarität damit aber nicht beantwortet werden. Brauchen wir Weltraumtourismus, so lange diese Fragen nicht geklärt sind?
Das Primat der ökonomischen Modellierung der Welt zur Debatte stellen
Was ist ein Menschenleben wert? Bei Ford wurde die Antwort auf diese Frage zum Referenzbeispiel für problematische Unternehmensethik. Bei dem Ford Pinto, der in den 80iger Jahren ausgeliefert wurde, gab es ein bekanntes Konstruktionsproblem, das bei Unfällen dazu führte, dass Insassen verbrannten. Interne Dokumente belegten, dass eine Kosten-Nutzen Abwägung das Unternehmen dazu bewog, keine Änderung am Fahrzeug zu veranlassen, weil es billiger war, bei Todesfällen eine Schadensersatzleistung zu zahlen(3). Ein eklantantes, aber beileibe nicht das einzige Beispiel, wohin ungezügelte Ausrichtung auf ökonomische Ziele führen kann. Deswegen müssen das ökonomische Handeln und die geltenden Spielregeln immer wieder hinterfragt und kontrolliert werden.
Wovon wir uns als Grüne verabschieden sollten
Es geht nicht um eine Utopie, sondern um Verantwortung für die Welt die ist und die noch kommen wird:
- nicht um eine klassenlose Utopie
- nicht um eine ökologische Utopie
- nicht um eine liberale Utopie
Wir müssen akzeptieren, dass unsere Bemühungen um die gerechte und funktionierende gesellschaftliche Verteilung nicht durch ein perfektes System zu Erfolgen führen, sondern durch die permanente Debatte um das Dilemma, wie Fortschritt und Risiko abgewogen werden, ohne die Erde zu überfordern oder gesellschaftliche Spannungen zu erzeugen. Das Dilemma steckt in uns. Den Menschen zu erziehen, um das perfekte System zu ermöglichen, ist eine unmögliche Aufgabe. Der Mensch ist weder von Natur aus gut, noch ist er böse, er hat die Anlagen zu beidem. Jede Form der politischen Gestaltung muss mit beidem rechnen. Der Gedanke von Jonas, Verantwortungsbewustsein zum ethischen Maßstab zu machen, lässt sich auch auf die Politik übertragen. Das kann unbequem sein, man kann um seine geliebten Privilegien bangen müssen, Angst vor dem Heizunggesetz bekommen… Aber von Verantwortung geleitete Vernunft muss in offen geführten Debatten zu einem Weg führen, der Freiheit und Verantwortung für die Zukunft gemeinsam denken kann. Grüne Politik muss diese Debatten zulassen, sich beteiligen und dabei den Lösungsraum weit machen, ohne ideologische Scheuklappen agieren. Und all dies, ohne sich der Verantwortung zu entziehen.
Das geht nur ohne eine Ideologie, aber mit einem klaren Kompass.
(1) Hans Jonas Das Prinzip Verantwortung https://www.suhrkamp.de/buch/hans-jonas-das-prinzip-verantwortung-t-9783518429549
(2) Club of Rome Die Grenzen des Wachstums https://www.amazon.de/Grenzen-Wachstums-Rome-Bericht-Menschheit/dp/3499168251
(3) Ford Pinto Wikipedia Eintrag (Aufruf 25.5.26) https://de.wikipedia.org/wiki/Ford_Pinto?wprov=sfti1

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