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Lesenswert – Gerade weil es aus einer anderen Zeit kommt

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Es werden immer wieder Vergleiche der heutigen Entwicklungen mit den 30iger Jahren gezogen, in der die NSDAP an die Macht gewählt wurde, so wie heute die AfD Zustimmung bekommt. Der Vergleich hat seine Grenzen, schon allein deswegen, weil wir im Gegensatz zu den 30igern diesmal ahnen können, was sich aus dem Aufstieg einer menschenverachtenden Ideologie entwickeln kann. Im folgende Text habe ich aus einem sehr lesenswerten Vortrag(1) Stellen herausgesucht, die mich angesprochen haben. Thomas Mann schrieb die Rede “Vom zukünftigen Sieg der Demokrate“, mit der er 1938 auf eine Lesereise durch 15 Städte der Nordstaaten der USA  geht, schon im Exil. Er wohnt zu dieser Zeit in Küsnacht in der Schweiz. Auf der Lesereise reifte der Gedanke, in die USA überzusiedeln. Man muss sich an die Sprache zunächst gewöhnen, man merkt ihr bei aller Geschliffenheit an, dass sie aus einer anderen Zeit kommt. Aber der Inhalt hat es in sich.

„Nein, Amerika bedarf keiner Unterweisung in Dingen der Demokratie.(…) Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden – auch in Amerika; denn Amerika gehört zum Kulturterritorium des Abendlandes und hat teil an seinen inneren Schicksalen, an dem Auf und Ab seines geistigen und moralischen Lebens. Es kann sich nicht davon isolieren. Dass Demokratie heute kein gesichertes Gut, dass sie angefeindet, von innen und außen her schwer bedroht, dass sie wieder zum Problem geworden ist, das spürt auch Amerika.“ S.140

Hier stockt man beim Lesen, denn hier wird Amerika, gemeint sind die USA, als das Mutterland der Demokratie beschrieben, der Autor konnte noch nicht ahnen, das sich das Land so massiv ändern würde. Für Mann steht es ausser Frage, wo die Demokratie gelebt wird. Wenn man die jüngsten Entwicklungen in den USA betrachtet, wir einem klar, dass es eben kein Land gibt, das ohne die „Unterweisung in Dingen der Demokratie“ auskommt.

„Ich wiederhole: die Hauptstärke, die eigentliche Verführungskraft der Ideen und Tendenzen [des Faschismus], die heute die Demokratie bedrohen und sie in den Zustand der Problematik versetzen, ist ihr Neuigkeitsreiz.“ S.141

Der Satz „Das wird man doch noch sagen dürfen“ funktioniert so ähnlich, wie das Schimpfwörter-Wiederholen bei Kindergartenkindern, ein Grusel und gleichzeitig eine Befreiung. Heute ist der Reiz weniger die Neuigkeit, sondern eher schamlose Grenzüberschreitung, die ihr zugrunde liegt.

„Offensichtlich hat die Anfälligkeit für das faschistische Miasma nichts mit Alter oder Jugend zu tun; sie ist vielmehr eine Frage der Intelligenz, des Charakters, des Wahrheitssinnes, des menschlichen Gefühls, kurzum, es entscheiden darüber Eigenschaften, die sowohl dem Alter wie der Jugend angehören oder nicht angehören, und von hier aus ist für die revolutionäre Zukünftigkeit des Faschismus entschieden nichts zu beweisen.

Das hindert nicht, dass seine schreiende Jugendlichkeitspropaganda, sein Reklametrick, die Demokratie als vergreist, verrottet, überlebt, abgestanden und gähnend langweilig, sich selbst aber als höchst lustig und prall von Leben und Zukunft hinzustellen, die uns allen bekannten Erfolge aufzuweisen hat.(…)…und was not tut, ist, meine ich, dass die Demokratie dieser faschistischen Spekulation durch eine Wiederentdeckung ihrer selbst begegnet, die ihr denselben Neuigkeitsreiz, ja, einen viel höheren, verschaffen kann, als der ist, den der Faschismus auszuüben sucht: dass sie alle Selbstverständlichkeit und Selbstvergessenheit von sich abtut und diese schon nicht mehr erwartete Situation, die Tatsache, dass sie wieder problematisch geworden, dazu benutzt, sich durch die Bewusstmachung ihrer selbst zu erneuern und zu verjüngen.“ S.143

Wer heute regelbasiertes Handeln und Entscheiden auf der Grundlage von Völker- und Menschenrecht einfordert, sieht sich der Kritik ausgesetzt, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen, dabei sind wir ohne diese Regeln direkt auf dem Weg in die Barbarei.

„Sie sehen, meine Damen und Herren: Ich will dem Namen der Demokratie einen sehr weiten Sinn geben, einen viel weitern, als der rein politische Klang dieses Namens zunächst vermuten lässt; denn ich knüpfe ihn an das Mensch-lichste, an die Idee und das Absolute, ich bringe ihn in Beziehung zu des Menschen unveräußerlicher und durch keine Gewalterniedrigung zerstörbarer Würde – und so muss ich tun, wenn ich den Wunsch erfüllen soll, der an mich erging: meinen Glauben zu bekennen an den Endsieg der Demokratie über die sie heute bedrohenden Tendenzen und Mächte.“ S.146

Diesen Abschnitt habe ich zitiert, weil ich beim Lesen gleichsam einen Schock bekommen habe, den Schock über die Verwendung des Begriffes „Endsieg“. Wir können so nicht mehr sprechen, zur Taktik der AfD gehört es ja, diese sprachliche Grenzüberschreitung immer wieder als Provokation zu nutzen. Ist die Nutzung also eine positive Provokation Manns? Nein, der Begriff wird schon seit den Befreiungskriegen im frühen 19. Jahrhundert benutzt, und war auch im 1.Weltkrieg üblich. Copilot behauptet übrigens, dass Mann den Begriff nie benutzt hat. Was für mich Thomas Mann so interessant macht, ist gerade der Wandel, den er vom überzeugten Unterstützer des 1.Weltkriegs (Anmerkungen eines Unpolitischen) zum Verfechter der Demokratie durchgemacht hat.

„Es ist ungenügend, das demokratische Prinzip als Prinzip der Majorität zu bestimmen und Demokratie wörtlich, allzu wörtlich, mit »Volksherrschaft« zu übersetzen, einem zweideutigen Wort, das auch Pöbelherrschaft bedeuten kann – und das ist vielmehr die Definition des Faschismus.“

„Man muss die Demokratie als diejenige Staats- und Gesellschaftsform bestimmen, welche vor jeder andern inspiriert ist von dem Gefühl und Bewusstsein der Würde des Menschen.“ S.147

Man kann hier schon die Ahnung des 1.Artikels des Grundgesetzes hören. Demokratie ohne die Achtung von Würde ist für Mann „Pöbelherrschaft“.

„Der Terror verdirbt die Menschen, das ist klar: Er zerrüttet ihren Charakter, setzt das Böse in ihnen frei, macht sie zu angstvollen Heuchler und schamlosen Angeber, er macht sie verächtlich – darum lieben diese Menschenverächter den Terror so sehr. Ihre Lust an der Menschenschändung ist schmutzig und pathologisch. Die Behandlung der Juden in Deutschland, die Konzentrationslager und was sich in ihnen abgespielt hat und immer noch abspielt, sind dafür Belege und Beweise.“ S.150

Terror hat in unserer Zeit mehr Dimensionen bekommen, der gezielte Shitstorm, öffentliche Verächtlichmachung und Aufmärsche vor den Wohnungen von Verantwortungsträgern sind Repertoireerweiterungen der neuen Zeit.

„Die Demokratie, wie immer ihre Meinung über die Menschen sei, meint es jedenfalls gut mit den Menschen.

Sie möchte sie heben, denken lehren und befreien, möchte der Kultur den Charakter eines Vorrechtes nehmen und sie ins Volk tragen – mit einem Worte: Sie ist auf Erziehung aus.“ S.151

„Die Demokratie ist nicht intellektualistisch in einem alten und überwundenen Sinne. Demokratie ist Denken; aber es ist ein dem Leben und der Tat verbundenes Denken, sonst wäre es nicht demokratisch, und eben hierin ist die Demokratie neu und modern. (…) Es ist ein Charakteristikum undemokratischer oder demokratisch unerzogener Nationen, dass bei ihnen ohne jede Beziehung zur Wirklichkeit gedacht wird, rein abstrakt, in völliger Isolierung des Geistes vom Leben und bar jeder Rücksichtnahme auf die Wirklichkeitskonsequenzen des Denkens. Das ist ein Mangel an Pragmatismus, der ins Sträfliche fällt und dahin führt, dass der Gedanke durch die Wirklichkeit eine grässliche und das Denken überhaupt kompromittierende Widerlegung erfährt.“ S.153

„Es gibt eine Karikatur des modernen Anti-Intellektualismus, die mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, sondern bei der man sich mitten in die niedrig-demagogische Welt des Faschismus versetzt findet: Es ist die Verachtung der klaren Vernunft, die Leugnung und Vergewaltigung der Wahrheit zugunsten der Macht und des Staatsinteresses, der Appell an die dumpfen Instinkte, das sogenannte »Gefühl«, die Lossprechung der Dummen und Schlechten von der Zucht der Vernunft und des Geistes, die Freigabe der Gemeinheit – kurz, eine barbarische Pöbelei, neben der sich, was wir Demokratie nennen, nun freilich im höchsten Grade aristokratisch ausnimmt.“ S.155

In diesen Abschnitten findet man die Gefahren der Manipulation von öffentlicher Debattenkultur als Gefahr beschrieben, alternative Fakten, eine Betonung des „gesunden Volksempfindens“, die Nutzung von pseudowissenschaftlichen Argumentationen ohne Praxisbezug. Aber Mann beschreibt auch das Instrument dagegen, Bildung und Erziehung. Die Antwort ist noch immer richtig, auch wenn es in der heutigen Gesellschaft schwieriger ist, diese Erziehung und Bildung zu leisten.

„Was dieser neuartige Herrscher über Kunst und Geist, über Skulptur, Malerei, Musik, Literatur autoritativ zum Besten gibt, wird späteren Generationen vor Augen führen, was in dem kriegsbeschädigten Deutschland unserer Tage, einem ehemals geistig hochstehenden Lande, möglich war; es wird sie lehren, was das ist: entartete Demokratię.“ S.157

„Dass es die Funktion und Absicht des Faschismus, besonders etwa des deutschen Nationalsozialismus, sei, das Privateigentum und die individualistische Wirtschaftsform zu konservieren, ist ein vollständiger Irrtum.“ S.159

„Sie wollen nur nehmen, nichts geben. Nicht um des Friedens und der gemeinsamen Arbeit willen fordern sie die Neuordnung des Besitzes, sondern zur Erhöhung ihrer Macht, um ihre Kriegsdrohung besser stützen und den Krieg gegebenenfalls erfolgreich führen zu können.“ S.166

Wenn man das AfD Programm ernst nimmt, all die Maßnahmen und Ideen wirtschaftlich durchrechnet, dann entlarvt sich die Geisteshaltung, die Mann in den zitierten Abschnitten skizziert. Entweder ist es nicht zu bezahlen, oder es hat Umverteilungswirkung hin zu wenigen. Erstaunlich, dass das Programm trotzdem wirkt, womit wir wieder beim Thema Bildung wären…

„Wenn ihr Volk keinen Raum hat, warum treiben diese Machthaber dann mit allen Mitteln zur Erhöhung der Geburtenzahl, zu einem den Raum immer noch verengenden Anschwellen des Volkskörpers?“ S.168

So wie die NSDAP diesen Widerspruch nicht auflösen wollte, weil ihr die erzielte Angst wichtiger war, als Fakten, so argumentieren heute AfD Politiker gegen Zuwanderung, ohne eine Antwort auf Pflegenotstand und Lohndumping zu geben.

„Ich sage mit einfachen Worten, was not tut. Es ist eine Reform der Freiheit, die etwas anderes aus ihr macht, als was sie zur Zeit unserer Väter und Großväter, in der Epoche des bürgerlichen Liberalismus, war und sein durfte, etwas anderes als »laissez faire, laissez aller«, denn damit kann sie nicht bestehen, sie kommt damit nicht mehr aus. Die Reform, die ich meine, muss eine soziale Reform, eine Reform sozialen Sinnes sein: nur durch eine solche kann die Demokratie dem Faschismus und auch dem Bolschewismus den Wind aus den Segeln nehmen, kann sie der Diktatur den bloß zeitlichen und stark lügenhaften, aber werbekräftigen Jugendlichkeitsvorsprung abgewinnen. Und zwar muss diese soziale Reform der geistigen sowohl wie der ökonomischen Freiheit gelten.“ S.174

„Hier ebenfalls muss die Freiheit sich durch soziale Disziplin ergänzen; sie muss die bürgerliche Revolution aus dem Politischen ins Wirtschaftliche fortentwickeln, in der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit die herrschende Idee der Epoche, ihre Verwirklichung, soweit sie in Menschenkräften steht, eine Angelegenheit des Weltgewissens geworden ist, deren man sich nicht entschlagen, über die man nicht hinwegleben kann.“ S.176

Wirtschaftliche Gerechtigkeit und nachhaltiges Wachstum müssen global gedacht werden, wie modern ist das denn?

„Ich nenne Franklin D. Roosevelt einen konservativen Staatsmann eben des sozialen Einschlages wegen, den bei ihm die Demokratie gewinnt und mit dem er, ein wahrer Freund und aufrichtiger Diener der Freiheit auch da, wo er sie sozialistisch bedingt und regelt, dem Faschismus sowohl wie dem Bolschewismus den Wind aus den Segeln nimmt.“ S.177

„»Hoffen wir«, rief er vor kurzem, »dass bald der Tag anbricht, an dem die Franzosen sich ohne Unterschied ihres sozialen Ursprungs auf neuer Grundlage zusammenfinden und im Interesse Frankreichs und der Freiheit das vollführen, was die Einen Strukturreformen nennen, und was ich selbst eine friedliche Revolution nennen will.«“ Hier zitiert er einen französischen Royalisten, Le-Cour Grand-Maison. „»Wir haben nicht die Pflicht, eine unmenschliche soziale Ordnung zu konservieren, sondern wir müssen im Gegenteil alle darauf hinarbeiten, dass eine humanere Ordnung an ihre Stelle tritt, die die wahre Hierarchie der Werte aufbaut, das Geld in den Dienst der Produktion stellt, die Produktion in den Dienst des Menschen und den Menschen selbst in den Dienst eines Ideals, das dem Leben einen Sinn gibt.«“ S.177-178

„Die soziale Erneuerung der Demokratie ist Bedingung und Gewähr ihres Sieges. Sie wird die »Volksgemeinschaft« schaffen, welche sich dem Lügengebilde, das der Faschismus so nennt, im Frieden schon und, wenn es sein muss, auch im Krieg weit überlegen erweisen wird. In ihr ist die Gemeinschaft schon lebendig, die das Ziel aller Politik ist und sie endlich aufheben soll: die Gemeinschaft der Völker.“ S.178

Hier klingt ein großer Optimismus an, der dann mit dem Kriegbeginn und dem weiteren Verlauf der deutschen Geschichte enttäuscht wurde. Die demokratische Entwicklung nach dem Krieg, basierend auf Grundgesetz und sozialer Marktwirtschaft ist der Versuch, die beschriebene Vision wahr zu machen. Dass wir so geschichtsvergessen und träge waren,nicht kontinuierlich an dieser Vision in Bildung und Erziehung gearbeitet haben, könnte sich schwer rächen, wenn wir entsetzt auf die Wahlergebnisse der AfD schauen..

(1) Zitiert aus Thomas Mann „Zur Verteidigung der Demokratie, politische Schriften“ Fischer Verlag 2025

Bildnachweis Screenshot am 28.6.26 von der Webseite: https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-mann-zur-verteidigung-der-demokratie-9783596711666

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