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Diskursfähigkeit verlernen – Ein neues Risiko

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Neulich las ich einen Kommentar auf LinkedIn von einem Universitätsangestellten. Er beklagte sich über eine Wirkung der KI-Nutzung auf Hausarbeiten. Da immer mehr KI einfließt, vermisst er die Freude einer akademischen Auseinandersetzung, die er bei der Korrektur von Hausarbeiten bislang empfand. Mich bewegte dieser Post insofern, weil er einen persönlichen Bezug zu meiner früheren Lehrtätigkeit hat. Ich kann die Reaktion nachvollziehen, denn in meiner Zeit an der DHBW war nichts befriedigender, als wenn sich jemand aus dem Raum meldete, um Zweifel anzumelden oder Fragen zu den gerade diskutierten Themen zu stellen. Dann kam es darauf an, ein gutes Argument oder eine Herleitung aus dem bisherigen Stoff zu erstellen, oder aber, noch besser, die Frage als einen neuen Aspekt in den Unterrichtsstoff einzubauen und mit dem Kurs zu diskutieren. Ich stelle mir das als die „Freude an der akademischen Auseinandersetzung“ vor. Diese Freude kann auch beim Diskutieren von gesellschaftlichen Themen aufkommen, oder beim Schreiben von Artikeln wie diesem.

Gemeinhin wird ja beklagt, dass KI uns das Recherchieren verlernen lässt, denn nun seien ja alle Fakten leicht abrufbar, inklusive einer detaillierten Aufbereitung und Analyse. Damit werde es den Studierenden zu einfach gemacht. Aber neben der faktenbasierten Datenpräsentation gibt es einen weiteren Effekt, die Verarmung der Diskursgestaltung. Wenn es bei einer Hausarbeit um die Einübung von akademischer Diskursfähigkeit geht, in den Hausarbeiten dann aber durch künstlich generierte Argumentationsketten das „Richtige“ gesagt wird und eben nicht geübt wird, ist dass dann nicht die viel größere Gefahr für den Lernerfolg?

Wer will schon gegen die geballte Analyse von Abermillionen von Dokumenten und deren genauer Wahrscheinlichkeitsrechnung argumentieren? Die KI hat sicher mehr gelesen und sortiert als ich es je könnte. Die aus dieser „Belesenheit“ folgende Überzeugungskraft von KI Argumenten, und seien es nur sehr gut recherchierte Fakten, wird dann zu einer selbständigen Macht, der entgegenzutreten argumentativ sehr schwer wird. Nun geht es ja bei der Hausarbeit nicht nur darum, das Thema zu beherrschen, sondern vor allem darum, sich die Mühe zu machen, sauber und kontrolliert zu argumentieren. Diese Fähigkeit lernt man meines Erachtens nicht, wenn man schon ein sauber vorbereitetes argumentatives Statement einer KI liest, sondern vor allem durch das Erarbeiten einer eigenen Argumentation, idealerweise im Austausch mit anderen. Bei einer Hausarbeit muss man diesen Prozess und seine eigene Position deutlich machen. Und das ist gar nicht so einfach, kann aber Freude machen.

Warum ist es aber verlockend, seine Argumentation der KI zu überlassen? Ich denke der Aspekt der Perfektion spielt eine große Rolle. Mit einer Antwort der KI stellt sich die Illusion der perfekten Antwort ein, weil in die Formulierung die sprachliche Erfahrung alles Geschriebenen einfließt. So kann man als Mensch gar nicht schreiben, ohne sehr hart an seinen Fähigkeiten zu arbeiten und zu üben. Diese „Perfektion“ schadet aber ähnlich wie Foto-Filter der Wahrnehmung der eigenen Leistung. Wenn man es nicht schafft, so präzise und genau zu argumentieren oder Fakten in eine Reihenfolge zu bringen, dann ist man ebenso frustriert wie über ungefilterte Selbstportaits. So wie wir uns in der Foto-Welt an perfekt arrangierten Bilder gewöhnen, werden plötzlich Argumentationen zu einer Referenz, deren Ausgefeiltheit unerreichbar wird. Der Tipp, künstlich Fehler in von der KI generierte Texte einzubauen, um einen persöhnlichen Stil zu suggerieren, weist direkt auf dieses Problem hin.

Wenn die KI diesen argumentativen Teil gleich miterledigt, ist das also schädlicher als eine Faktenrecherche per Copilot. Die Recherche, so man denn den Prompt gut gestaltet, bringt oft Fakten erstaunlich gut auf den Punkt, die Bewertung dieser Fakten und die Definition der eigenen Position zu diesen Fakten sollte man aber selbst tun. Nicht zwangsläufig um es besser zu machen als die KI, eher um uns weiterhin zu ermutigen, mitzudiskutieren, auch wenn die Argumentation eben nicht „perfekt“ ist.

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