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Wenn die App kostenlos ist, bist du das Produkt

Diesen Satz habe ich irgendwo im Internet gelesen, und ich finde, dass das eine gute Orientierung ist. Es erklärt das Geschäftsmodell der Social Media Giganten recht gut und stellt die Frage, ob wir uns immer bewusst sind, wie viel wir von uns preisgeben, ohne genau zu wissen, zu welchen Zwecken die Daten benutzt werden. Es sollte uns skeptisch machen, dass die Silicon Boys so reich sind.

Die Diskussion um eine Beschränkung der Sozialen Medien, die Kinder vor einer missbräuchlichen Nutzung schützen soll, ignoriert, dass bei weitem nicht nur Kinder durch die Praktiken der Tech Giganten gefährdet sind. Der oben zitierte Satz gilt für alle Altersschichten. Aber es scheint mittlerweile zu einem gewissen Selbstverständnis zu gehören, sich als Produkt zu sehen. Ein Produkt mit einer zu kommunizierenden Value Proposition, Alleinstellungsmerkmal und der Notwendigkeit einer permanenten Optimierung. Wir akzeptieren das „Productizing“ von uns selbst als etwas Unausweichliches. Dazu lese ich gerade ein kleines Reclam Heft von Jonas Zorn „Die Ökonomisierung des Persönlichen“(1).

Eine weitere Bestätigung dafür, dass die zunehmende Verengung der gesellschaftlichen Debatte auf ökonomische Kriterien und Modelle zu einem Dogma der Welterklärung wird. Die Kosten/Nutzen Fokussierung des Utilitarismus, die sich im Neoliberalismus zeigt, besticht durch eine vermeintliche Rationalität, die jegliche Gegenargumentation schwierig macht, da die Vertreter der Theorie auf die offensichtlichen Erfolge dieser Welterklärung im Wirtschaftsleben verweisen können. Wie Hans Jonas in seinem Buch „Das Prinzip Verantwortung“(2) erklärt, gibt es eine direkte Rückwirkung von Theorien auf die geschichtliche Entwicklung. Die Theorie wirkt gleichsam als Anleitung für die Handelnden, die Geschichte des Sozialismus zeigt diese Wechselwirkung recht gut auf.

Ich stelle eine These auf: der Vormarsch des Irrationalen in der Politik und Gesellschaft kann als Reaktion auf die verengte utilitaristische Rationalität unserer Zeit erklärt werden. Die Welt ist kompliziert, die auf Evidenz basierende Wissenschaft kommt zu immer komplexeren Erklärungen, nur in der Wirtschaft ist alles scheinbar rational und sehr durchschaubar, auch oder vielleicht sogar gerade weil sie so überaus mathematisch begründet wird.

Die AfD ist als Anti-Euro-Partei entstanden, Donald Trump kommt aus der Glitzerwelt eines simulierten Wirtschaftslebens „You are fired…“ – als Chef einer Scheinfirma im Unterhaltungsfernsehen. Entweder soll die Wissenschaft so simpel wie die Wirtschaft werden, oder ihre Ergebnisse werden in Zweifel gezogen, so wie in der Corona-Krise. Diese Abwanderung in die Rationalitäts-Skepsis kann nicht die Lösung sein, ebensowenig wie das „Productizing“ des gesamten gesellschaftlichen Lebens. Rationalität ist nicht nur die konsequente Anwendung der Kriterien Kohärenz und Wahrscheinlichkeit, sondern nur dann ein Instrument der Aufklärung, wenn sie sich der Verantwortung für die Folgen der rationalen Entscheidungen stellt, gleichsam selbstreflektiv. Rationalität muss diese Verantwortung berücksichtigen, sonst wird sie zu einer mechanistischen Begründung für das vermeintlich Alternativlose.

Wir sind viel mehr als Produkte der Social Media Firmen.

(1) Jonas Zorn, Die Ökonomisierung des Persönlichen

(2) Hans Jonas, Das Prinzip Verantwortung

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