Tages-Kommentare

Monat: Juni 2026

  • Lesenswert – Gerade weil es aus einer anderen Zeit kommt

    Lesenswert – Gerade weil es aus einer anderen Zeit kommt

    Es werden immer wieder Vergleiche der heutigen Entwicklungen mit den 30iger Jahren gezogen, in der die NSDAP an die Macht gewählt wurde, so wie heute die AfD Zustimmung bekommt. Der Vergleich hat seine Grenzen, schon allein deswegen, weil wir im Gegensatz zu den 30igern diesmal ahnen können, was sich aus dem Aufstieg einer menschenverachtenden Ideologie entwickeln kann. Im folgende Text habe ich aus einem sehr lesenswerten Vortrag(1) Stellen herausgesucht, die mich angesprochen haben. Thomas Mann schrieb die Rede “Vom zukünftigen Sieg der Demokrate“, mit der er 1938 auf eine Lesereise durch 15 Städte der Nordstaaten der USA  geht, schon im Exil. Er wohnt zu dieser Zeit in Küsnacht in der Schweiz. Auf der Lesereise reifte der Gedanke, in die USA überzusiedeln. Man muss sich an die Sprache zunächst gewöhnen, man merkt ihr bei aller Geschliffenheit an, dass sie aus einer anderen Zeit kommt. Aber der Inhalt hat es in sich.

    „Nein, Amerika bedarf keiner Unterweisung in Dingen der Demokratie.(…) Es ist mit der Selbstverständlichkeit der Demokratie in aller Welt eine zweifelhafte Sache geworden – auch in Amerika; denn Amerika gehört zum Kulturterritorium des Abendlandes und hat teil an seinen inneren Schicksalen, an dem Auf und Ab seines geistigen und moralischen Lebens. Es kann sich nicht davon isolieren. Dass Demokratie heute kein gesichertes Gut, dass sie angefeindet, von innen und außen her schwer bedroht, dass sie wieder zum Problem geworden ist, das spürt auch Amerika.“ S.140

    Hier stockt man beim Lesen, denn hier wird Amerika, gemeint sind die USA, als das Mutterland der Demokratie beschrieben, der Autor konnte noch nicht ahnen, das sich das Land so massiv ändern würde. Für Mann steht es ausser Frage, wo die Demokratie gelebt wird. Wenn man die jüngsten Entwicklungen in den USA betrachtet, wir einem klar, dass es eben kein Land gibt, das ohne die „Unterweisung in Dingen der Demokratie“ auskommt.

    „Ich wiederhole: die Hauptstärke, die eigentliche Verführungskraft der Ideen und Tendenzen [des Faschismus], die heute die Demokratie bedrohen und sie in den Zustand der Problematik versetzen, ist ihr Neuigkeitsreiz.“ S.141

    Der Satz „Das wird man doch noch sagen dürfen“ funktioniert so ähnlich, wie das Schimpfwörter-Wiederholen bei Kindergartenkindern, ein Grusel und gleichzeitig eine Befreiung. Heute ist der Reiz weniger die Neuigkeit, sondern eher schamlose Grenzüberschreitung, die ihr zugrunde liegt.

    „Offensichtlich hat die Anfälligkeit für das faschistische Miasma nichts mit Alter oder Jugend zu tun; sie ist vielmehr eine Frage der Intelligenz, des Charakters, des Wahrheitssinnes, des menschlichen Gefühls, kurzum, es entscheiden darüber Eigenschaften, die sowohl dem Alter wie der Jugend angehören oder nicht angehören, und von hier aus ist für die revolutionäre Zukünftigkeit des Faschismus entschieden nichts zu beweisen.

    Das hindert nicht, dass seine schreiende Jugendlichkeitspropaganda, sein Reklametrick, die Demokratie als vergreist, verrottet, überlebt, abgestanden und gähnend langweilig, sich selbst aber als höchst lustig und prall von Leben und Zukunft hinzustellen, die uns allen bekannten Erfolge aufzuweisen hat.(…)…und was not tut, ist, meine ich, dass die Demokratie dieser faschistischen Spekulation durch eine Wiederentdeckung ihrer selbst begegnet, die ihr denselben Neuigkeitsreiz, ja, einen viel höheren, verschaffen kann, als der ist, den der Faschismus auszuüben sucht: dass sie alle Selbstverständlichkeit und Selbstvergessenheit von sich abtut und diese schon nicht mehr erwartete Situation, die Tatsache, dass sie wieder problematisch geworden, dazu benutzt, sich durch die Bewusstmachung ihrer selbst zu erneuern und zu verjüngen.“ S.143

    Wer heute regelbasiertes Handeln und Entscheiden auf der Grundlage von Völker- und Menschenrecht einfordert, sieht sich der Kritik ausgesetzt, die Zeichen der Zeit nicht zu erkennen, dabei sind wir ohne diese Regeln direkt auf dem Weg in die Barbarei.

    „Sie sehen, meine Damen und Herren: Ich will dem Namen der Demokratie einen sehr weiten Sinn geben, einen viel weitern, als der rein politische Klang dieses Namens zunächst vermuten lässt; denn ich knüpfe ihn an das Mensch-lichste, an die Idee und das Absolute, ich bringe ihn in Beziehung zu des Menschen unveräußerlicher und durch keine Gewalterniedrigung zerstörbarer Würde – und so muss ich tun, wenn ich den Wunsch erfüllen soll, der an mich erging: meinen Glauben zu bekennen an den Endsieg der Demokratie über die sie heute bedrohenden Tendenzen und Mächte.“ S.146

    Diesen Abschnitt habe ich zitiert, weil ich beim Lesen gleichsam einen Schock bekommen habe, den Schock über die Verwendung des Begriffes „Endsieg“. Wir können so nicht mehr sprechen, zur Taktik der AfD gehört es ja, diese sprachliche Grenzüberschreitung immer wieder als Provokation zu nutzen. Ist die Nutzung also eine positive Provokation Manns? Nein, der Begriff wird schon seit den Befreiungskriegen im frühen 19. Jahrhundert benutzt, und war auch im 1.Weltkrieg üblich. Copilot behauptet übrigens, dass Mann den Begriff nie benutzt hat. Was für mich Thomas Mann so interessant macht, ist gerade der Wandel, den er vom überzeugten Unterstützer des 1.Weltkriegs (Anmerkungen eines Unpolitischen) zum Verfechter der Demokratie durchgemacht hat.

    „Es ist ungenügend, das demokratische Prinzip als Prinzip der Majorität zu bestimmen und Demokratie wörtlich, allzu wörtlich, mit »Volksherrschaft« zu übersetzen, einem zweideutigen Wort, das auch Pöbelherrschaft bedeuten kann – und das ist vielmehr die Definition des Faschismus.“

    „Man muss die Demokratie als diejenige Staats- und Gesellschaftsform bestimmen, welche vor jeder andern inspiriert ist von dem Gefühl und Bewusstsein der Würde des Menschen.“ S.147

    Man kann hier schon die Ahnung des 1.Artikels des Grundgesetzes hören. Demokratie ohne die Achtung von Würde ist für Mann „Pöbelherrschaft“.

    „Der Terror verdirbt die Menschen, das ist klar: Er zerrüttet ihren Charakter, setzt das Böse in ihnen frei, macht sie zu angstvollen Heuchler und schamlosen Angeber, er macht sie verächtlich – darum lieben diese Menschenverächter den Terror so sehr. Ihre Lust an der Menschenschändung ist schmutzig und pathologisch. Die Behandlung der Juden in Deutschland, die Konzentrationslager und was sich in ihnen abgespielt hat und immer noch abspielt, sind dafür Belege und Beweise.“ S.150

    Terror hat in unserer Zeit mehr Dimensionen bekommen, der gezielte Shitstorm, öffentliche Verächtlichmachung und Aufmärsche vor den Wohnungen von Verantwortungsträgern sind Repertoireerweiterungen der neuen Zeit.

    „Die Demokratie, wie immer ihre Meinung über die Menschen sei, meint es jedenfalls gut mit den Menschen.

    Sie möchte sie heben, denken lehren und befreien, möchte der Kultur den Charakter eines Vorrechtes nehmen und sie ins Volk tragen – mit einem Worte: Sie ist auf Erziehung aus.“ S.151

    „Die Demokratie ist nicht intellektualistisch in einem alten und überwundenen Sinne. Demokratie ist Denken; aber es ist ein dem Leben und der Tat verbundenes Denken, sonst wäre es nicht demokratisch, und eben hierin ist die Demokratie neu und modern. (…) Es ist ein Charakteristikum undemokratischer oder demokratisch unerzogener Nationen, dass bei ihnen ohne jede Beziehung zur Wirklichkeit gedacht wird, rein abstrakt, in völliger Isolierung des Geistes vom Leben und bar jeder Rücksichtnahme auf die Wirklichkeitskonsequenzen des Denkens. Das ist ein Mangel an Pragmatismus, der ins Sträfliche fällt und dahin führt, dass der Gedanke durch die Wirklichkeit eine grässliche und das Denken überhaupt kompromittierende Widerlegung erfährt.“ S.153

    „Es gibt eine Karikatur des modernen Anti-Intellektualismus, die mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, sondern bei der man sich mitten in die niedrig-demagogische Welt des Faschismus versetzt findet: Es ist die Verachtung der klaren Vernunft, die Leugnung und Vergewaltigung der Wahrheit zugunsten der Macht und des Staatsinteresses, der Appell an die dumpfen Instinkte, das sogenannte »Gefühl«, die Lossprechung der Dummen und Schlechten von der Zucht der Vernunft und des Geistes, die Freigabe der Gemeinheit – kurz, eine barbarische Pöbelei, neben der sich, was wir Demokratie nennen, nun freilich im höchsten Grade aristokratisch ausnimmt.“ S.155

    In diesen Abschnitten findet man die Gefahren der Manipulation von öffentlicher Debattenkultur als Gefahr beschrieben, alternative Fakten, eine Betonung des „gesunden Volksempfindens“, die Nutzung von pseudowissenschaftlichen Argumentationen ohne Praxisbezug. Aber Mann beschreibt auch das Instrument dagegen, Bildung und Erziehung. Die Antwort ist noch immer richtig, auch wenn es in der heutigen Gesellschaft schwieriger ist, diese Erziehung und Bildung zu leisten.

    „Was dieser neuartige Herrscher über Kunst und Geist, über Skulptur, Malerei, Musik, Literatur autoritativ zum Besten gibt, wird späteren Generationen vor Augen führen, was in dem kriegsbeschädigten Deutschland unserer Tage, einem ehemals geistig hochstehenden Lande, möglich war; es wird sie lehren, was das ist: entartete Demokratię.“ S.157

    „Dass es die Funktion und Absicht des Faschismus, besonders etwa des deutschen Nationalsozialismus, sei, das Privateigentum und die individualistische Wirtschaftsform zu konservieren, ist ein vollständiger Irrtum.“ S.159

    „Sie wollen nur nehmen, nichts geben. Nicht um des Friedens und der gemeinsamen Arbeit willen fordern sie die Neuordnung des Besitzes, sondern zur Erhöhung ihrer Macht, um ihre Kriegsdrohung besser stützen und den Krieg gegebenenfalls erfolgreich führen zu können.“ S.166

    Wenn man das AfD Programm ernst nimmt, all die Maßnahmen und Ideen wirtschaftlich durchrechnet, dann entlarvt sich die Geisteshaltung, die Mann in den zitierten Abschnitten skizziert. Entweder ist es nicht zu bezahlen, oder es hat Umverteilungswirkung hin zu wenigen. Erstaunlich, dass das Programm trotzdem wirkt, womit wir wieder beim Thema Bildung wären…

    „Wenn ihr Volk keinen Raum hat, warum treiben diese Machthaber dann mit allen Mitteln zur Erhöhung der Geburtenzahl, zu einem den Raum immer noch verengenden Anschwellen des Volkskörpers?“ S.168

    So wie die NSDAP diesen Widerspruch nicht auflösen wollte, weil ihr die erzielte Angst wichtiger war, als Fakten, so argumentieren heute AfD Politiker gegen Zuwanderung, ohne eine Antwort auf Pflegenotstand und Lohndumping zu geben.

    „Ich sage mit einfachen Worten, was not tut. Es ist eine Reform der Freiheit, die etwas anderes aus ihr macht, als was sie zur Zeit unserer Väter und Großväter, in der Epoche des bürgerlichen Liberalismus, war und sein durfte, etwas anderes als »laissez faire, laissez aller«, denn damit kann sie nicht bestehen, sie kommt damit nicht mehr aus. Die Reform, die ich meine, muss eine soziale Reform, eine Reform sozialen Sinnes sein: nur durch eine solche kann die Demokratie dem Faschismus und auch dem Bolschewismus den Wind aus den Segeln nehmen, kann sie der Diktatur den bloß zeitlichen und stark lügenhaften, aber werbekräftigen Jugendlichkeitsvorsprung abgewinnen. Und zwar muss diese soziale Reform der geistigen sowohl wie der ökonomischen Freiheit gelten.“ S.174

    „Hier ebenfalls muss die Freiheit sich durch soziale Disziplin ergänzen; sie muss die bürgerliche Revolution aus dem Politischen ins Wirtschaftliche fortentwickeln, in der Erkenntnis, dass Gerechtigkeit die herrschende Idee der Epoche, ihre Verwirklichung, soweit sie in Menschenkräften steht, eine Angelegenheit des Weltgewissens geworden ist, deren man sich nicht entschlagen, über die man nicht hinwegleben kann.“ S.176

    Wirtschaftliche Gerechtigkeit und nachhaltiges Wachstum müssen global gedacht werden, wie modern ist das denn?

    „Ich nenne Franklin D. Roosevelt einen konservativen Staatsmann eben des sozialen Einschlages wegen, den bei ihm die Demokratie gewinnt und mit dem er, ein wahrer Freund und aufrichtiger Diener der Freiheit auch da, wo er sie sozialistisch bedingt und regelt, dem Faschismus sowohl wie dem Bolschewismus den Wind aus den Segeln nimmt.“ S.177

    „»Hoffen wir«, rief er vor kurzem, »dass bald der Tag anbricht, an dem die Franzosen sich ohne Unterschied ihres sozialen Ursprungs auf neuer Grundlage zusammenfinden und im Interesse Frankreichs und der Freiheit das vollführen, was die Einen Strukturreformen nennen, und was ich selbst eine friedliche Revolution nennen will.«“ Hier zitiert er einen französischen Royalisten, Le-Cour Grand-Maison. „»Wir haben nicht die Pflicht, eine unmenschliche soziale Ordnung zu konservieren, sondern wir müssen im Gegenteil alle darauf hinarbeiten, dass eine humanere Ordnung an ihre Stelle tritt, die die wahre Hierarchie der Werte aufbaut, das Geld in den Dienst der Produktion stellt, die Produktion in den Dienst des Menschen und den Menschen selbst in den Dienst eines Ideals, das dem Leben einen Sinn gibt.«“ S.177-178

    „Die soziale Erneuerung der Demokratie ist Bedingung und Gewähr ihres Sieges. Sie wird die »Volksgemeinschaft« schaffen, welche sich dem Lügengebilde, das der Faschismus so nennt, im Frieden schon und, wenn es sein muss, auch im Krieg weit überlegen erweisen wird. In ihr ist die Gemeinschaft schon lebendig, die das Ziel aller Politik ist und sie endlich aufheben soll: die Gemeinschaft der Völker.“ S.178

    Hier klingt ein großer Optimismus an, der dann mit dem Kriegbeginn und dem weiteren Verlauf der deutschen Geschichte enttäuscht wurde. Die demokratische Entwicklung nach dem Krieg, basierend auf Grundgesetz und sozialer Marktwirtschaft ist der Versuch, die beschriebene Vision wahr zu machen. Dass wir so geschichtsvergessen und träge waren,nicht kontinuierlich an dieser Vision in Bildung und Erziehung gearbeitet haben, könnte sich schwer rächen, wenn wir entsetzt auf die Wahlergebnisse der AfD schauen..

    (1) Zitiert aus Thomas Mann „Zur Verteidigung der Demokratie, politische Schriften“ Fischer Verlag 2025

    Bildnachweis Screenshot am 28.6.26 von der Webseite: https://www.fischerverlage.de/buch/thomas-mann-zur-verteidigung-der-demokratie-9783596711666

  • Diskursfähigkeit verlernen – Ein neues Risiko

    Diskursfähigkeit verlernen – Ein neues Risiko

    Neulich las ich einen Kommentar auf LinkedIn von einem Universitätsangestellten. Er beklagte sich über eine Wirkung der KI-Nutzung auf Hausarbeiten. Da immer mehr KI einfließt, vermisst er die Freude einer akademischen Auseinandersetzung, die er bei der Korrektur von Hausarbeiten bislang empfand. Mich bewegte dieser Post insofern, weil er einen persönlichen Bezug zu meiner früheren Lehrtätigkeit hat. Ich kann die Reaktion nachvollziehen, denn in meiner Zeit an der DHBW war nichts befriedigender, als wenn sich jemand aus dem Raum meldete, um Zweifel anzumelden oder Fragen zu den gerade diskutierten Themen zu stellen. Dann kam es darauf an, ein gutes Argument oder eine Herleitung aus dem bisherigen Stoff zu erstellen, oder aber, noch besser, die Frage als einen neuen Aspekt in den Unterrichtsstoff einzubauen und mit dem Kurs zu diskutieren. Ich stelle mir das als die „Freude an der akademischen Auseinandersetzung“ vor. Diese Freude kann auch beim Diskutieren von gesellschaftlichen Themen aufkommen, oder beim Schreiben von Artikeln wie diesem.

    Gemeinhin wird ja beklagt, dass KI uns das Recherchieren verlernen lässt, denn nun seien ja alle Fakten leicht abrufbar, inklusive einer detaillierten Aufbereitung und Analyse. Damit werde es den Studierenden zu einfach gemacht. Aber neben der faktenbasierten Datenpräsentation gibt es einen weiteren Effekt, die Verarmung der Diskursgestaltung. Wenn es bei einer Hausarbeit um die Einübung von akademischer Diskursfähigkeit geht, in den Hausarbeiten dann aber durch künstlich generierte Argumentationsketten das „Richtige“ gesagt wird und eben nicht geübt wird, ist dass dann nicht die viel größere Gefahr für den Lernerfolg?

    Wer will schon gegen die geballte Analyse von Abermillionen von Dokumenten und deren genauer Wahrscheinlichkeitsrechnung argumentieren? Die KI hat sicher mehr gelesen und sortiert als ich es je könnte. Die aus dieser „Belesenheit“ folgende Überzeugungskraft von KI Argumenten, und seien es nur sehr gut recherchierte Fakten, wird dann zu einer selbständigen Macht, der entgegenzutreten argumentativ sehr schwer wird. Nun geht es ja bei der Hausarbeit nicht nur darum, das Thema zu beherrschen, sondern vor allem darum, sich die Mühe zu machen, sauber und kontrolliert zu argumentieren. Diese Fähigkeit lernt man meines Erachtens nicht, wenn man schon ein sauber vorbereitetes argumentatives Statement einer KI liest, sondern vor allem durch das Erarbeiten einer eigenen Argumentation, idealerweise im Austausch mit anderen. Bei einer Hausarbeit muss man diesen Prozess und seine eigene Position deutlich machen. Und das ist gar nicht so einfach, kann aber Freude machen.

    Warum ist es aber verlockend, seine Argumentation der KI zu überlassen? Ich denke der Aspekt der Perfektion spielt eine große Rolle. Mit einer Antwort der KI stellt sich die Illusion der perfekten Antwort ein, weil in die Formulierung die sprachliche Erfahrung alles Geschriebenen einfließt. So kann man als Mensch gar nicht schreiben, ohne sehr hart an seinen Fähigkeiten zu arbeiten und zu üben. Diese „Perfektion“ schadet aber ähnlich wie Foto-Filter der Wahrnehmung der eigenen Leistung. Wenn man es nicht schafft, so präzise und genau zu argumentieren oder Fakten in eine Reihenfolge zu bringen, dann ist man ebenso frustriert wie über ungefilterte Selbstportaits. So wie wir uns in der Foto-Welt an perfekt arrangierten Bilder gewöhnen, werden plötzlich Argumentationen zu einer Referenz, deren Ausgefeiltheit unerreichbar wird. Der Tipp, künstlich Fehler in von der KI generierte Texte einzubauen, um einen persöhnlichen Stil zu suggerieren, weist direkt auf dieses Problem hin.

    Wenn die KI diesen argumentativen Teil gleich miterledigt, ist das also schädlicher als eine Faktenrecherche per Copilot. Die Recherche, so man denn den Prompt gut gestaltet, bringt oft Fakten erstaunlich gut auf den Punkt, die Bewertung dieser Fakten und die Definition der eigenen Position zu diesen Fakten sollte man aber selbst tun. Nicht zwangsläufig um es besser zu machen als die KI, eher um uns weiterhin zu ermutigen, mitzudiskutieren, auch wenn die Argumentation eben nicht „perfekt“ ist.

  • Die Neidmaschine

    Die Neidmaschine

    Es gab und gibt die Neiddebatte um die Verteilung von Gütern in der Gesellschaft und wie sie gestaltet werden sollte. Zwei Dimensionen, Neid auf die Wohlhabenden, aber auch Neid auf die „Faulen“ in der sozialen Hängematte spielen dabei eine Rolle. Wer kennt das nicht, wenn man in der Schule etwas besonderes zeigte, jemand eine abfällige Bemerkung machte und man dann gehässig rief: „Du bist ja nur neidisch!“ Neid ist ein schwieriger Begriff und um die Neiddebatte soll es in diesem Text nicht gehen. Was ist also Neid? Wikipedia definiert in wie folgt:

    Neid bezeichnet eine Empfindung, bei der die neidende Person über die Güter einer anderen Person selbst verfügen möchte oder ihr diese nicht gönnt. Dabei kann sich der Neid auf materielle Besitztümer und auf immaterielle Vorzüge wie Attraktivität, Erfolg, Freundschaften oder Privilegien beziehen (1).

    Eine weitere Recherche mit CoPilot brachte mich zu dieser Tabelle, die ich dann etwas abgewandelt habe.

    EigenschaftBedeutung
    Sozialer VergleichNeid kann nur im Vergleich mit anderen entstehen
    BenachteiligungsgefühlMan fühlt sich schlechter gestellt
    SelbstwertbezugNeid hat immer die Dimension der Wahrnehmung der eigenen Person in Bezug zu Anderen
    Negative EmotionDas Gefühl belastet, oft weiss der Neidende um die damit verbundene Schwäche und Negativität, kann sich dem aber nicht entziehen
    Destruktive FolgenKann zu Abwertung, Schadenfreude oder Agression führen
    Nach einer Recherche in Copilot

    Neid entsteht nach der Definition also aus dem sozialen Vergleich. Menschen vergleichen sich ständig, das ist ein Grundelement menschlichen Verhaltens. Vergleichen war essentiell um seine Position innerhalb der Familie/Horde/Gesellschaft zu kennen. Dabei ist eine neidvolle Reaktion oft damit verbunden, dass der Neidende der Auffassung ist, das der Andere das Objekt des Neides nicht verdient, oder mit unlauteren Mitteln erworben hat. Vielleicht hat Neid sogar als Antriebsfeder für das ständige Hinterfragen von Privilegien innerhalb einer Gruppe eine soziale Funktion, sozusagen die Antriebsfeder zum ständigen Zweifel an der Hierarchie, weswegen sich die Führungspersonen immer wieder in der Horde beweisen mussten, um sich zu legitimieren.

    Soweit zum Neid, aber was meine ich mit der Neidmaschine? Meiner Meinung nach sind soziale Netzwerke ein wesentlicher Treiber der derzeitigen Unzufriedenheit. Sie sind der Ort für Selbstdarstellung und die Erstellung von Potemkinschen Dörfern. Worauf basiert diese Einschätzung? Zunächst auf meiner sehr beschränkten Nutzung dieser Medien, quasi einem gefilterten Selbstversuch. Wie man in diesem Blog lesen kann, stehe ich den sozialen Netzwerken aus verschiedenen Gründen skeptisch gegenüber. Aber ich bin trotzdem passiver Nutzer. Ich habe einen Instagramm-Account, weil ein guter Freund von mir vor einiger Zeit seine Fahrradreise durch Deutschland dort geteilt hat – es war toll ihn so zu begleiten. Dann habe ich mir gedacht, dass es dort ja auch Interessantes aus der Kommunalpolitik zu lesen gibt. Der Bigband des AEG auf ihrer Amerkiareise zu folgen hat auch Spaß gemacht. Nur macht der Anteil von diesen Inhalten in meinem Reel nur eine verschwindend geringe Menge aus. Ansonsten bekomme ich entweder Unterhaltung oder Selbstdarstellungen hineingespült.

    Das Gleiche bei LinkedIn. Dort beklagen sich mittlerweile einige – durchaus klickwirksam – dass alles so oberflächlich und unaufrichtig ist. Es scheint momentan im Trend zu liegen, sich über den Trend zu beklagen, was wiederum einen Trend erzeugt… Das Beispiel LinkedIn zeigt gut, wie es durch die Darstellungsweise der Beiträge zu Neid kommt. Die Kommentare und auch immer mehr kritische Beiträge, die sich über die Selbstdarstellung anderer beklagen, sind unter anderem ein Zeichen von Neid. Nun haben wir natürlich schon immer an den verschiedensten Stellen Reichtum und Erfolg zur Unterhaltung bekommen. Aber anders als in Bunte und Gala wird uns in sozialen Netzwerken nicht das Leben der Celebrities – gibt es heute schon als A- B- und C-Promi – in Homestories vorgestellt, nein, die Zugehörigkeit zum Jet-Set ist jetzt demokratisiert. Jeder kann es auf der Aufmerksamkeitsleiter nach oben schaffen, wenn er nur genügend Klicks erhascht. Diese Illusion erzeugt die Wahrnehmung, dass alle um mich herum es schaffen, nur ich nicht.

    Und als Normalo fragt man sich dann, was die haben, was ich nicht habe und wird neidisch. Man wird neidisch auf das Aussehen, den Ferrari und die Coolness dieser Leute, die man gar nicht kennt. Plötzlich scheint das eigene Leben im Vergleich zu diesen Influencer-Sternchen ziemlich arm, langweilig oder unfähig. Man vergleicht sein Leben nicht mehr mit dem Nachbarn, sondern mit einer anonymen Referenzgruppe, über die man im Grunde nichts weiss.

    Neid war eine der sieben Todsünden in der christlichen Theologie, insbesondere deswegen, weil sie als sogenannte Wurzelsünde großen Schaden an der Seele des Menschen anrichten konnte. Dies bezieht sich auf die destruktiven Folgen in der obigen Tabelle. Neid führt zu Missgunst und vergiftet das gesellschaftliche Klima. Es grenzt ab und aus und zerstört den Willen zur Solidarität.

    Soziale Netzwerke bergen die Gefahr einer permanenten Neidverstärkung in sich, eine mögliche Wurzel von vielen negativen Phänomenen, die sich in der Öffentlichkeit zeigen.

    Meine These

    Nun kann man sagen, dass aus der Gleichzeitigkeit von steigendem Konsum von sozialen Medien und einer beobachtbaren gesellschaftlichen „Kälte“ noch kein kausaler Zusammenhang hergeleitet werden kann. Ob die Wirkung von Neid ein treibendes Element der gesellschaftlichen Entsolidarisierung – auch diese müsste noch nachgewiesen werden – bleibt ein Thema für die Soziologinnen. Es ist durchaus möglich dass sich öffentliche Aussagen und gelebtes Verhalten eben nicht entsprechen, dass wir „den Stress“ überhöht durch Medien und – paradox – soziale Netzwerke wahrnehmen. Man kann aber schon konstatieren, dass Aufforderungen zur Entsolidarisierung durch Äußerungen von Politikern verstärkt werden, die jüngsten Aussagen zu Bafög, Gesundheitssystem und Renten lassen darauf schließen.

    (1) Wikipedia Eintrag zu Neid https://de.wikipedia.org/wiki/Neid

    Bildnachweis: Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Hieronymus_Bosch-_The_Seven_Deadly_Sins_and_the_Four_Last_Things.JPG