Es gab und gibt die Neiddebbatte um die Verteilung von Gütern in der Gesellschaft und wie sie gestaltet werden sollte. Zwei Dimensionen, Neid auf die Wohlhabenden, aber auch Neid auf die „Faulen“ in der sozialen Hängematte spielen dabei eine Rolle. Wer kennt das nicht, wenn man in der Schule etwas besonderes zeigte, jemand eine abfällige Bemerkung machte und man dann gehässig rief: „Du bist ja nur neidisch!“ Neid ist ein schwieriger Begriff und um die Neiddebatte soll es in diesem Text nicht gehen. Was ist also Neid? Wikipedia definiert in wie folgt:
Neid bezeichnet eine Empfindung, bei der die neidende Person über die Güter einer anderen Person selbst verfügen möchte oder ihr diese nicht gönnt. Dabei kann sich der Neid auf materielle Besitztümer und auf immaterielle Vorzüge wie Attraktivität, Erfolg, Freundschaften oder Privilegien beziehen (1).
Eine weitere Recherche mit CoPilot brachte mich zu dieser Tabelle, die ich dann etwas abgewandelt habe.
| Eigenschaft | Bedeutung |
|---|---|
| Sozialer Vergleich | Neid kann nur im Vergleich mit anderen entstehen |
| Benachteiligungsgefühl | Man fühlt sich schlechter gestellt |
| Selbstwertbezug | Neid hat immer die Dimension der Wahrnehmung der eigenen Person in Bezug zu Anderen |
| Negative Emotion | Das Gefühl belastet, oft weiss der Neidende um die damit verbundene Schwäche und Negativität, kann sich dem aber nicht entziehen |
| Destruktive Folgen | Kann zu Abwertung, Schadenfreude oder Agression führen |
Neid entsteht nach der Definition also aus dem sozialen Vergleich. Menschen vergleichen sich ständig, das ist ein Grundelement menschlichen Verhaltens. Vergleichen war essentiell um seine Position innerhalb der Familie/Horde/Gesellschaft zu kennen. Dabei ist eine neidvolle Reaktion oft damit verbunden, dass der Neidende der Auffassung ist, das der Andere das Objekt des Neides nicht verdient, oder mit unlauteren Mitteln erworben hat. Vielleicht hat Neid sogar als Antriebsfeder für das ständige Hinterfragen von Privilegien innerhalb einer Gruppe eine soziale Funktion, sozusagen die Antriebsfeder zum ständigen Zweifel an der Hierarchie, weswegen sich die Führungspersonen immer wieder in der Horde beweisen mussten, um sich zu legitimieren.
Soweit zum Neid, aber was meine ich mit der Neidmaschine? Meiner Meinung nach sind soziale Netzwerke ein wesentlicher Treiber der derzeitigen Unzufriedenheit. Sie sind der Ort für Selbstdarstellung und die Erstellung von Potemkinschen Dörfern. Worauf basiert diese Einschätzung? Zunächst auf meiner sehr beschränkten Nutzung dieser Medien, quasi einem gefilterten Selbstversuch. Wie man in diesem Blog lesen kann, stehe ich den sozialen Netzwerken aus verschiedenen Gründen skeptisch gegenüber. Aber ich bin trotzdem passiver Nutzer. Ich habe einen Instagramm-Account, weil ein guter Freund von mir vor einiger Zeit seine Fahrradreise durch Deutschland dort geteilt hat – es war toll ihn so zu begleiten. Dann habe ich mir gedacht, dass es dort ja auch Interessantes aus der Kommunalpolitik zu lesen gibt. Der Bigband des AEG auf ihrer Amerkiareise zu folgen hat auch Spaß gemacht. Nur macht der Anteil von diesen Inhalten in meinem Reel nur eine verschwindend geringe Menge aus. Ansonsten bekomme ich entweder Unterhaltung oder Selbstdarstellungen hineingespült.
Das Gleiche bei LinkedIn. Dort beklagen sich mittlerweile einige – durchaus klickwirksam – dass alles so oberflächlich und unaufrichtig ist. Es scheint momentan im Trend zu liegen, sich über den Trend zu beklagen, was wiederum einen Trend erzeugt… Das Beispiel LinkedIn zeigt gut, wie es durch die Darstellungsweise der Beiträge zu Neid kommt. Die Kommentare und auch immer mehr kritische Beiträge, die sich über die Selbstdarstellung anderer beklagen, sind unter anderem ein Zeichen von Neid. Nun haben wir natürlich schon immer an den verschiedensten Stellen Reichtum und Erfolg zur Unterhaltung bekommen. Aber anders als in Bunte und Gala wird uns in sozialen Netzwerken nicht das Leben der Celebrities – gibt es heute schon als A- B- und C-Promi – in Homestories vorgestellt, nein, die Zugehörigkeit zum Jet-Set ist jetzt demokratisiert. Jeder kann es auf der Aufmerksamkeitsleiter nach oben schaffen, wenn er nur genügend Klicks erhascht. Diese Illusion erzeugt die Wahrnehmung, dass alle um mich herum es schaffen, nur ich nicht.
Und als Normalo fragt man sich dann, was die haben, was ich nicht habe und wird neidisch. Man wird neidisch auf das Aussehen, den Ferrari und die Coolness dieser Leute, die man gar nicht kennt. Plötzlich scheint das eigene Leben im Vergleich zu diesen Influencer-Sternchen ziemlich arm, langweilig oder unfähig. Man vergleicht sein Leben nicht mehr mit dem Nachbarn, sondern mit einer anonymen Referenzgruppe, über die man im Grunde nichts weiss.
Neid war eine der sieben Todsünden in der christlichen Theologie, insbesondere deswegen, weil sie als sogenannte Wurzelsünde großen Schaden an der Seele des Menschen anrichten konnte. Dies bezieht sich auf die destruktiven Folgen in der obigen Tabelle. Neid führt zu Missgunst und vergiftet das gesellschaftliche Klima. Es grenzt ab und aus und zerstört den Willen zur Solidarität.
Soziale Netzwerke bergen die Gefahr einer permanenten Neidverstärkung in sich, eine mögliche Wurzel von vielen negativen Phänomenen, die sich in der Öffentlichkeit zeigen.
Meine These
Nun kann man sagen, dass aus der Gleichzeitigkeit von steigendem Konsum von sozialen Medien und einer beobachtbaren gesellschaftlichen „Kälte“ noch kein kausaler Zusammenhang hergeleitet werden kann. Ob die Wirkung von Neid ein treibendes Element der gesellschaftlichen Entsolidarisierung – auch diese müsste noch nachgewiesen werden – bleibt ein Thema für die Soziologinnen. Es ist durchaus möglich dass sich öffentliche Aussagen und gelebtes Verhalten eben nicht entsprechen, dass wir „den Stress“ überhöht durch Medien und – paradox – soziale Netzwerke wahrnehmen. Man kann aber schon konstatieren, dass Aufforderungen zur Entsolidarisierung durch Äußerungen von Politikern verstärkt werden, die jüngsten Aussagen zu Bafög, Gesundheitssystem und Renten lassen darauf schließen.
(1) Wikipedia Eintrag zu Neid https://de.wikipedia.org/wiki/Neid

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