Die Reaktionen in der Öffentlichkeit zum Verhalten von Jens Spahn in der Leihmutteraffäre waren ziemlich eindeutig. Da nimmt sich jemand in seinem persönlichen Leben etwas heraus, was er anderen verbieten will. Nun hat nicht er persönlich dieses Verbot ausgesprochen, aber er hat es aktiv mitgetragen. Kein echter Zweifel nach außen hin, in der Politbranche wäre dieses Zweifeln noch viel tödlicher als ohnehin. Und Jens Spahn isst ein Politiker, der an dieser Spirale mitgedreht hat und gleichzeitig auf Messersschneide balancierte, wenn es um sein persönliches Leben ging. So weit, so einfach. Aber vielleicht ist es nicht ganz so einfach, auch wenn dieser Text keine Verteidigungsrede werden soll, eher ein Hinweis, dass das Handeln von Jens Spahn eben nicht so außergewöhnlich ist, und man sich auch persönlich mit der Motivation zu diesem Handeln auseinandersetzen muss. Dazu erstmal etwas grundsätzliches, was ich natürlich wieder aus einem Buch habe, Pragmatismus als Antiautoritarismus von Richard Rorty (1), zugegeben ein etwas sperriger Titel, von dem man sich aber nicht abschrecken lassen sollte.
Unsere Beziehung zum Recht ist aus historischen Gründen stark von Kant geprägt. Die Mehrheit würde dem Kantschen Kategorischen Imperativ zustimmen:
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“(2)
Zitiert nach Wikipedia
Es gibt diese Grundregel in den verschiedensten Formen und durchzieht auch die Weltreligionen als eine elementare Maxime. Die Begründung für die Geltung dieses Satzes geht bei Kant über den Begriff Pflicht. Der Imperativ hilft uns dabei, unser Handeln auf moralische Wertigkeit hin zu überprüfen. Dabei macht er unseren guten Willen zum Maßstab für die Beurteilung all unseres Handelns. Dem widerstrebend ist der menschliche Wille. Man könnte es auch als Wettstreit zwischen Gefühl und Verstand beschreiben. Was mein Gefühl will, muss der Verstand – oder die Vernunft – mithilfe von Maximen wie dem Imperativ im Zaume halten, damit unser gute Willen eine Chance hat. Es ist also unsere Pflicht, die Gesetze einzuhalten, damit wir unserem Kompaß, dem guten Willen folgen können. Kant ist in dieser Forderung sehr absolut, so muss diesem Imperativ auch Folge geleistet werden, wenn dies zum Schaden bei nahestehenden Personen führt, zum Beispiel wenn eigene Kinder, die Unrecht getan haben, an die Justiz übergeben werden. Wer privat oder in der Schule die “Deutschstunde“ von Siegfried Lenz gelesen hat, weiß um das Problem dieser Maxime, es gibt unzählige andere Beispiele für das Ausloten dieses Dilemmas. Rorty hat nun einen anderen Ansatzgewählt, um dieses Spannungsfeld durch persönliche Nähe zu betrachten.
In dem Buch von Rorty wird eine alternative Quelle – oder vielleicht eine weitere Quelle – für Gesetzesgehorsam und moralischem Handeln angeführt, Loyalität. So kann es eben sein, dass man dem eigenen Kind, was etwas strafwürdiges getan hat, anders gegenübertritt, als einem Fremden. Nach Rorty kommt diese Differenzierung aus unserer Entwicklungsgeschichte. Wir haben uns die meiste Zeit unserer menschlichen Entwicklung in Familien und Kleingruppen sozialisiert. Wir haben daher ein sehr feines Gespür für Loyalität und Solidarität in unserem engeren Umkreis. Je größer die Gruppen wurden, in denen wir als Menschen agierten, desto mehr musste die Loyalität durch Sanktionen eingefordert werden. So entstanden Gesetze. Rorty folgert daraus, dass wir in modernen Gesellschaften den Geltungsbereich von Loyalität immer weiter ausweiten müssen, damit das Zusammenleben funktioniert, weil Loyalität immer stärker trägt als Sanktion in Form von Bestrafung. Ich finde diesen Gedanken von Rorty sehr plausibel und richtungsweisend. Wem gegenüber müssen wir in der heutigen Zeit Loyalität beweisen? Wo endet diese heute, und brauchen wir neue Methoden, um sie im Zeitalter der Globalisierung zu stärken und zu entwickeln?
Nun aber zurück zu dem Titel dieses Artikels. Loyalität ist eine „Zweibahnstraße“. In dem Moment, in dem eine Seite sich illoyal verhält, ist das zugrundeliegende Vertrauen gebrochen, oder zumindestens geschwächt. Während die Pflichterfüllung in erster Linie eine Verstandesleistung ist, beinhaltet Loyalität beides, Gefühl und Verstand. Nicht den Gehweg zuzuparken, weil man ein Knöllchen bekommen könnte, trägt nicht so weit wie die Loyalität gegenüber der Rollstuhlfahrerin oder dem Kinderwagen, auch wenn momentan noch nicht in Sicht. Oft verhalten wir uns aber im Widerspruch zur Loyalität, wir verurteilen den Raser der mit 110 durch die 80iger Zone der Baustelle fährt und winken ab, wen wir mit 40 in der 30iger Zone mal schnell unser Kind zum Kindergarten bringen.
Und deshalb werfe ich Jens Spahn weniger seine Einstellung zum Gesetz vor, er hat nichts gesetzwidriges getan, sondern die Tatsache, dass er Leihmütter in Deutschland aus moralischen Gründen nicht will, aber keine Loyalität gegenüber der Leihmutter in den USA hat. Oder umgekehrt, dass er den potentiellen Leihmüttern in Deutschland verbieten will, wovon Leihmütter in den USA profitieren. Das Jens Spahn den Kantschen Imperativ verbogen hat, kommt noch hinzu. Er kann nicht wollen, dass sein Handeln zur allgemeineren Regel wird.
Das Dilemma, das gleichgeschlechtliche Paare ihren Kinderwunsch nicht erfüllen können, ist eine wichtige und schwierige Frage, die in der Diskussion um den Fall meiner Meinung nach nicht ausreichend beleuchtet wird. Gibt es einen Weg, gleichgeschlechtlichen Paaren den Weg zu Kindern zu erleichtern? Gibt es Formen von Leihmutterschaft oder Adoption, die wir als Gesellschaft tragen können, können wir unsere Loyalität mit gleichgeschlechtlichen Paaren erweitern? (3)
Loyalität zum moralischen Maßstab werden zu lassen, dass ist für mich ein Modell, mit dem mir viele problematische Fragen in der Gesellschaft klarer werden. Deswegen wollte ich diesen Gedanken hier teilen und als Anstoß nutzen.
(1) Rorty, Pragmatismus als Antiautoritarismus https://www.suhrkamp.de/buch/richard-rorty-pragmatismus-als-antiautoritarismus-t-9783518587942
(2) Zitiert nach Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorischer_Imperativ?wprov=sfti1#
(3) Das der Kantsche Ansatz manchmal an seine Grenzen stößt, zeigt auch die die Diskussion um das Abtreibungsgesetz, Abtreibung als Straftat zu definieren, um es dann straffrei zu lassen, der für mich persönlich gescheiterte Versuch, ein Gesetz für ein moralisches Dilemma zu formulieren, und es gleichzeitig mit der Verfassung in Einklang zu bringen.

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