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Ist der Ruf erst einmal ruiniert, regiert es sich halt ungeniert

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Ich reibe mir die Augen. Pro Monat ein Kommunikationsdesaster der Regierungskoalition. Das jüngste Beispiel, Attest durch den Arzt ab dem ersten Krankheitstag. So stärkt man den Eindruck, dass die Regierenden völlig den Halt verloren haben. Ohne Klärung von Fakten, ohne eine auch nur ansatzweise nachvollziehbare Begründung und vor allem, ohne sich auch nur annähernd die Folgen einer solchen Entscheidung vorstellen zu können.

Ich versuche, mir ein Bild von den Fakten zu machen und frage dazu Copilot. Zunächst wird klar, dass die Regelungen in Europa höchst unterschiedlich sind. Es gibt Modelle mit Karenztagen, einer staatlich finanzierten Lohnfortzahlung als Grundsicherung und ohne jegliche Unterstützung. Deutschland ist sicher in dieser Hinsicht das arbeitnehmerfreundlichste Land in Europa. Aber schon bei der Messgröße zur Beurteilung der Situation muss man differenzieren. Misst man die Fehltage oder den Verlust von Arbeitszeit. Insgesamt ordnet das IGES in einer Studie für die DAK(1) Deutschland bezüglich des Krankenstandes im oberen Mittelfeld ein. Dabei ist wegen der unterschiedlichen Datenerfassung in den Ländern der Vergleich sehr schwer. So hat die Einführung der elektronischen Krankmeldung nach Corona die Krankentage sprunghaft nach oben schnellen lassen, weil jetzt auch bisher nicht erfasste Zeiten in der Statistik auftauchen. In Ländern mit Karenztagen werden die Tage teilweise nicht zentral erfasst, wie sich die Regelung auf den realen Arbeitszeitverlust auswirkt, ist nur schwer zu messen. Die Vergleichbarkeit der Lage ist also nicht so eindeutig, wie bei der Vorstellung behauptet. Für Beamte gibt es übrigens keine zentral erfassten Daten zum Krankenstand, einzelne Behörden veröffentlichen selbst erhobene Daten, die geringeren Fehlzeiten von Beamten sind daher nicht direkt vergleichbar. Dabei ist zu berücksichtigen, das Beamte erst nach dem 5. Kalendertag ein Attest beibringen müssen.

Nun zu der Folgenabschätzung. Folgende Leitfragen interessieren die Bevölkerung, wenn man Gesetze oder Regelungen einführt:

  1. Was muss man tun, um sich konform zu verhalten – wie funktioniert es?
  2. Was passiert, wenn jemand sich nicht konform verhält – wie wird es kontrolliert?
  3. Löst es das vorher beschriebene Problem – hat es Wirkung?

Die Frage der Kontrolle ist für gesetzlich Versicherte geklärt, die elektronische Meldung garantiert die Erfassung. Aber wie es funktionieren soll, ist nicht einmal ansatzweise skizziert worden. Deswegen stürzten sich alle Betroffenen auf das Thema und bewiesen, dass es gar nicht geht. Hausärzteverbände, Gewerkschaften und Arbeitnehmervertreter machten darauf aufmerksam, was die Änderung der Regelung nach sich ziehen würde. Die Arbeitgeberverbände äußerten sich überwiegend positiv.

Betrachten wir also die Wirkung etwas genauer. Dazu muss erstmal das Problem genauer beschrieben werden. Nach Ansicht der Regierung ist die Regelung aus drei Gründen notwendig (so fasst Copilot zusammen):

  1. Missbrauch der Krankmeldung verhindern
  2. Einheitliche Regelungen einführen und damit Rechtssicherheit schaffen
  3. Eine Stabilisierung des Arbeitsmarktes zu erreichen

Und da ist es wieder, das Gespenst des betrugsbereiten Bürgers, der sich selbst bereichern will auf Kosten der hart arbeitenden Unternehmer und der Regierung. Die Annahme ist hier, dass der Arbeitnehmer ohne diese Regelung einfach mal blau macht, übrigens ganz anders als der Staatsdiener, für den die oben genannten Probleme alle nicht zu existieren scheinen. Dazu ein Zitat der Sprecherin des Innenministers von Baden-Würtemberg(2) „Die aktuelle Vorgabe [der Krankmeldungsregelung für Beamte] bestehe mindestens seit 2003. Sie habe sich »in der Praxis bewährt und ist bürokratiearm«. Der Dienstherr habe im Einzelfall größtmögliche Flexibilität“. Sollte sich in der Gesamtschau eine andere Regelung als praktikabler erweisen, so die Sprecherin, seien »Änderungen selbstverständlich möglich«“. Diese Flexibilität haben Arbeitgeber schon heute, sie können von ihren Mitarbeitern schon für den ersten Tag ein Attest verlangen, wenn sie Zweifel haben.

Ja, es gibt notorische Blaumacher, aber lohnt sich der Aufwand, die schwarzen Schafe zu finden? Ich habe dazu eine klare Meinung. Jedes Kontrollsystem, was eingeführt wird, hat immer zwei Wirkungen, so wie Medikamente. So kann es sein, dass sich die faule Bagage durch die Regelung einen anderen Weg suchen muss, um blau zu machen. Die regelkonformen Mitarbeiter, die durchaus auch mal im Gegenzug vor dem Auslaufen einer Krankschreibung wieder zur Arbeit gegangen sind, weil sie sich wieder fit fühlen, die im Homeoffice weiterarbeiten, fragen sich nun, warum eigentlich? Ist ja alles geregelt. Wenn ich die 5% Blaumacher finde, und dabei 95% der Leute unter Verdacht stelle, könnte es durchaus sein, dass von diesen 95% sich plötzlich 10% fragen, warum sie eigentlich nicht bis zur vollständigen Erholung zu Hause bleiben, warum sie sich mit der Email aus dem Büro rumschlagen, während sie sich doch noch amtlich bescheinigt als krank definiert sehen.

Dieser nachteilige Effekt ist umso kleiner, je nachvollziehbarer die vorgestellte Regeländerung die oben genannten 3 Fragen beantwortet. Und hier beginnt das kommunikative Desaster der Bundesregierung, und das nicht zum ersten Mal. Ein weiteres Mal versucht die Bundesregierung als Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft ein Problem zu lösen, das eigentlich auf der Ebene der Unternehmen gelöst werden müsste. Beim Verdacht von Missbrauch müssten die Unternehmen von verdächtigen Arbeitnehmern einfach Atteste fordern. Gleiche Wirkung, richtige Ebene, abgedeckt durch die heutige Regelung. Mit der neuen Regelung wird Mitarbeiterführung an die Regierung delegiert, mit eventuell negativen Folgen.

Dass diese Art der Kommunikation auch Wasser auf die Mühlen derer ist, die dann sagen „da kann man ja auch die AfD wählen“ ist eine entsetzliche Nebenwirkung dieser Kommunikationsstrategie.

(1) IGES Studie https://www.iges.com/ergebnisse/projekte/2025/oecd-daten-zum-krankenstand/index_ger.html

(2) Zitiert aus der Böblinger Kreiszeitung vom Mittwoch, 15. Juli 2026, Beamte: Arzt-Attest erst nach fünf Tagen

Kommentare

2 Kommentare zu „Ist der Ruf erst einmal ruiniert, regiert es sich halt ungeniert“

  1. Avatar von Ingo
    Ingo

    Hi,
    als Arbeitgeber sehe ich nicht nur notorische Blaumacher, sondern auch Mitarbeitende, für die 99 % Gesundheit (also 1% Krankheit) 100 % AU (ArbeitsUnfähigkeit) sind. Diese Schwelle variiert unter den AN sehr stark. Wenn bei denen dann das unabhängige Urteil eines Arztes nicht nötig ist, ist es andersdenkenden KollegInnen gegenüber unfair, und der AG zahlt dafür. Deshalb unterstütze ich Karenztage. Das lässt diese AN drüber nachdenken, ob es wirklich nicht geht.

    1. Avatar von admin

      Hallo, schön erstmal, den ersten Kommentar auf der Seite zu begrüßen. So stelle ich mir das vor auf dieser Seite, auch mal eine Reaktion auf meine Gedanken zu lesen, ist toll.
      Nun zum Kommentar. Die Einführung von Karenztagen ist eine etwas andere Diskussion, habe ich mir bei der Kurzrecherche auch angeschaut und im internationalen Vergleich durchaus unterschiedliche Effekte. So hat Schweden laut Copilot einen Karenztag (danach 80% Lohnfortzahlung) und trotzdem etwa den gleichen Arbeitszeitverlust durch Krankheit. Leider kann man nicht die absoluten Krankheitstage direkt vergleichen, weil nur der Arbeitzeitverlust für Schweden angegeben ist. Vielleicht findet ja eine andere KI genauere Daten…?
      Aber bei meinem Kommentar will ich auf etwas anderes heraus, wenn Unternehmer den Verdacht haben, dass Arbeitnehmer „blau machen“ können sie schon heute ab dem ersten Tag ein Attest fordern.
      Man kann als Unternehmen, auch ohne den Gesetzgeber, auch ein Incentive Programm einführen, um Leute zu motivieren, die AU (Arbeitsunfähigkeit) fairer zu beurteilen, Wellness-Wochenende bei einem Jahr ohne Krankheitstage, klassischer Gehaltszuschuss… Könnte sich unter dem Strich lohnen. Karenztage nehmen den fairen Mitarbeitern ein Benefit. Bei uns in der Firma ist die Gestaltung von win-win Benefits mittlerweile zum Differenziator am Arbeitsmarkt geworden. Im Übrigen hat sich seit Corona gezeigt, dass es durchaus sinnvoll sein kann (so es denn geht), dass eine kurze Fehlzeit bei einer startenden Grippe durchaus im Sinne des Unternehmens sein kann, aber das ist natürlich eine Einzelentscheidung, die man als Vorgesetzter mit seiner Mitarbeiterin besprechen muss.
      Wofür braucht man als Unternehmer gesetzgeberische Unterstützung für heute mögliche Mitarbeiterführung?

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